1.30 Uhr, St. Petersburg

Mittwoch, 30. Juli 2014

Wenn man sich etwas ganz doll wünscht, dann geht es auch in Erfüllung – nun durfte ich doch noch die weißen Nächte in St. Petersburg erleben! Die lagen zwar schon in den letzten Zügen, als wir Mitte Juli in „Piter“ waren, aber trotzdem war es um 23 Uhr noch taghell und richtig dunkel wurde es eigentlich nie. Dazu gab es feinstes Sommerwetter – in St. Petersburg sorgt aber die stete Meeresbrise dafür, dass es nie drückend heiß wird. So wie in Moskau beispielsweise.
Meine Vergleiche, die ich zwischen den beiden Städten anstelle, fallen meist zugunsten von St. Petersburg aus, was Herr K. als eingefleischter Hauptstädter mit säuerlicher Mine registriert. Mit lächerlichen Argumenten (Moskau ist viel größer und dynamischer!) versucht er, meine Begeisterung zu bremsen. Dabei wissen wir doch alle, dass nicht allein die Größe zählt! Es hat schon seine Gründe, warum viele junge (gut betuchte) Moskauer über's Wochenende nach Piter fliegen: Zum einen gilt die Stadt seit jeher als Zentrum der (alternativen) Kunst und Kultur, zum anderen lebt es sich hier sehr viel entspannter als in der Hauptstadt. Das beginnt schon bei der Architektur: Diese Stadt wurde für Menschen gebaut, nicht für Massen. Im Gegensatz zu Moskau haben Gebäude, Straßen und Plätze eine humane Größe, das gilt sogar für die Stalin-Bauten etwas außerhalb der Innenstadt.
Am Wochenende sonnt man sich auf dem Marsfeld oder vor der Peter-und-Paul-Festung (Петропавловская крепость), bärtige Männer mit Undercutfrisuren fahren ihre Retro Cruiser Bikes spazieren. In den Cafés, die sich endlos aneinander reihen, kann man sogar im Außenbereich sitzen, ohne von den Abgasen Atemnot zu bekommen (im Gegensatz zu Moskau), Hinweisschilder und Speisekarten sind durchgängig zweisprachig (im Gegensatz zu Moskau). Alles in allem erinnert Piter ein wenig an Berlin – nur dass es imperialer und sauberer ist.
23.20 Uhr: grandiose Abendstimmung am Ufer der Newa. Ein Extra obendrauf: der Riesenmond.
1.15 Uhr: Schnell zurück über die Schlossbrücke (Дворцовый мост), in ein paar Minuten wird sie als eine der ersten Brücken für den Verkehr gesperrt.
1.20 Uhr: Die halbe Stadt hat sich am Newa-Ufer versammelt, um das Hochziehen der Brücken zu beobachten. Popcornverkäufer, Feuerschlucker und Straßenmusiker machen während der weißen Nächte ihr Jahresgeschäft.
1.40 Uhr: Verkehrswege, die nachts unterbrochen werden, sind eine ganz hervorragende Einrichtung: Mit dieser Entschuldigung kann man langweilige Veranstaltungen und Partys nach einer erträglichen Zeit verlassen, ohne die Regeln des Anstandes zu verletzen.
Vor der Eremitage herrscht immer etwas Karnevalstimmung – im Namen des Tourismus.
Jans jefährlich: Der Panzerkreuzer Aurora auf der Lauer.
Der entzückende Sommergarten (Летний сад) wurde in den letzten Jahren rekonstruiert.
Wir empfehlen: STEREOLETO, ein kleines aber feines Musikfestival, das auf einer bezaubernden Insel in St. Petersburg stattfindet. Und dieses Jahr schon zum 13. Mal! Mit dabei waren u.a. das Orquesta Buena Vista Social Club, La Caravane Passe, Окуджав (Okudschaw) und АукцЫон (Auktion).

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