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Zu Gast: Im Museum der russischen Lebensläufe

Freitag, 22. April 2016

Detail der medusenartigen Leuchte im Treppenhaus der Villa Rjabushinski
In der Malaja Nikitskaja steht zwischen der Himmelfahrtskirche und einem hohen Mietshaus, verdeckt von dichten Bäumen, die Villa Rjabushinski. Nur ihr markantes Portal blitzt zwischen den Ästen hervor. Erst beim Nähertreten sind der Mosaikfries mit stilisierten Irisblüten und Fenster, deren Sprossen wie Bäume geformt sind, zu erkennen. Das Portal aber sichert ein dickes Vorhängeschloss; und wenn durch die verstaubten Fensterscheiben kein Lichtschein dringen würde, müsste man annehmen, das Haus stehe leer. Von der Seitenstraße aus gelangt man über den ehemaligen Dienstboteneingang schließlich doch in die Villa, in der sich die Museums-Wohnung von Maxim Gorki (Максим Горький) befindet. Ein großer Teil der Besucher jedoch dürfte nicht wegen des vordersten Schriftstellers des Sozialistischen Realismus kommen, sondern wegen Franz bzw. Fjodor Schechtel (Фёдор Шехтель), dem dritten großen Namen, der mit diesem Haus verbunden ist.

Freiheit der Kunst

Donnerstag, 19. November 2015

Der Blick in einen nagelneuen Elite-Wohnkomplex in der Moskauer Mitte wirft neben vielen bautechnischen insbesondere diese Frage auf: Was veranlasst jemanden dazu, den zukünftigen Bewohnern so eine Skulptur ungefragt vor die Nase zu stellen? Daran schließt sich unmittelbar die Frage an, warum die Freiheitsdame ihr Gesicht bedeckt. Aus Trauer über den Verlust ihres Unterteils? Das sicher noch bei den Antipoden fest steckt? Oder über den Qualifikationsgrad der Bauarbeiter? Vielleicht ist es eine versteckte Reminiszenz an die Eigentümer, die vor der Immobilienkrise hier für viel Geld Wohnungen gekauft haben? Oder soll das die hohe Meinung des Bauträgers von sich selbst ausdrücken: Wir sind die weltbesten Baumeister, da können sich alle anderen nur verstecken? Wie auch immer. Jedenfalls erfüllt diese Skulptur eine der vornehmsten Aufgaben der Kunst: Fragen aufwerfen.

Am Ufer der Moskwa

Dienstag, 29. September 2015

Versteckt hinter zwei stark befahrenen Straßenkreuzungen und einem Hotel-Neubau steht ein unscheinbares Tor – der Eingang zur Krutizky Klosterresidenz. Schon die ersten Schritte auf dem buckligen Kopfsteinpflaster versetzen den Besucher in eine andere Zeit. Jetzt ist der Lärm der Großstadt schon kaum mehr zu hören, eine Katze streift über den Platz, dann eilt eine Frau im Kopftuch die Treppe zur Kleinen Maria-Himmelfahrts-Kirche hinauf. Kaum habe ich den Vorraum betreten, wird mir bedeutet, dass ich ebenfalls ein Tuch um den Kopf zu wickeln habe und zusätzlich eins um die Taille. Zwar sind meine Knie ordnungsgemäß bedeckt, aber ich trage Hosen. Dermaßen unanständig bekleidete Frauen erhalten keinen Zutritt zum heiligen Kirchenraum ... Die russisch-orthodoxen Bekleidungsregeln werden hier deutlich strenger ausgelegt, als in den meisten Moskauer Kirchen – was das Gefühl, sich in einem Zeitloch zu befinden, noch verstärkt.

Zu Gast: Im Tempel der Teekultur

Sonntag, 20. September 2015

Als Alexey Perlov (Алексей Иванович Перлов) im Jahre 1787 ein Teegeschäft in den Handelsreihen am Roten Platz eröffnete, beäugten die Moskowiter misstrauisch das fremdartige Getränk. Die orthodoxe Kirche beschimpfte es sogar als „chinesisches Rauschmittel“. Doch bereits ein halbes Jahrhundert später war das Teetrinken fest im Tagesablauf des gesamten russischen Volkes verankert. Die Moskowiter zum Beispiel sollen täglich durchschnittlich sechs Gäser Tee getrunken haben.
Mit der Teebegeisterung der Menschen wuchs auch das Perlov-Imperium, das in den 1890ern bereits 130 Firmenläden im In- und Ausland umfasste. Die Perlovs waren erfolgreiche und angesehene Geschäftsleute, aber dass ihr Name auch einen wichtigen Platz in der Moskauer Stadt- und Architekturgeschichte (und in sämtlichen Reiseführern) einnimmt, das verdanken sie allein einem Spross der vierten Händler-Generation: Sergey Perlov (Сергей Васильевич Перлов).

Ärgerliche Geschichte

Freitag, 11. September 2015

Mürrisch blicken Engels und Lenin auf die glatten Plastikbeine der Mannequins im Schaufenster gegenüber. Was die beiden* auf ihre alten Tage noch ertragen müssen! Prada und Louis Vuitton – gerade mal einen Steinwurf entfernt vom ehemaligen Archiv des Institutes für Marxismus-Leninismus!
* Marx bewahrt gnädigerweise eine zerzauste Tanne vor diesem Anblick.

Ein Tag misst zehn Zentimeter

Donnerstag, 2. Juli 2015

141,8 Meter ist er hoch – der Obelisk im Park Pobedy, dem Moskauer Siegespark. Zehn Zentimeter für jeden Tag, in dem sich die Sowjetunion im Krieg mit dem Deutschen Reich befand. An allen vier Seiten sind Reliefs angebracht, auf denen die Namen der Städte zu lesen sind, die den Deutschen zum Opfer fielen. Doch der beauftragte Künstler entschied, dass dies noch nicht beeindruckend genug sei und fügte dem Monument eine Nike in Begleitung zweier Engel sowie einen Heiligen Georg hinzu. Hoch zu Pferde sticht dieser auf einen sich am Boden windenden Drachen ein, dessen niederträchtiges Wesen auch dem unbedarftesten Betrachter durch Hakenkreuze verdeutlicht wird. Wer ist dieser Künstler? Zurab Tsereteli, georgischer Bildhauer und Meister des Networking.
Парк Победы, Поклонная Гора

Gestalten im öffentlichen Raum

Freitag, 26. Juni 2015

Das Wort „Denkmal“ bekommt in Moskau eine ganz neue Dimension: Vor einem Denkmal stehend denke ich oft darüber nach, wie wohl die Auftragsvergabe zustande gekommen sein mag. Nur bei wenigen kann ich mir vorstellen, dass ihre besonders gelungene Gestaltung ausschlaggebend für die Zustimmung der Entscheider war. Ich meine: Ich finde es unfair, mir völlig unbekannten Menschen einfach so, mir nichts, dir nichts, schlechten Geschmack zu unterstellen. Vielleicht hatte ja der jeweilige auserwählte Künstler die schöneren Visualisierungen mit dem blaueren Himmel dabei?
Der georgische Künstler-Unternehmer Zurab Tsereteli jedenfalls muss sehr viel richtig gemacht haben: Mehrere seiner auffälligen Arbeiten sind mittlerweile Teil des Moskauer Stadtraums, allen voran das in jeder Hinsicht maßlose Denkmal zu Ehren Peter des Großen. Böse Zungen behaupten, der Künstler habe es ursprünglich als Christoph Kolumbus nach Amerika verkaufen wollen. Nachdem Tsereteli bei etlichen Staaten abgeblitzt sei, habe es ihm schließlich sein guter Bekannter Juri Lushkov abgenommen.
Und so wurde das Monument 1997 dann doch noch aufgestellt: Mitten im Moskauer Stadtzentrum an der Spitze der Insel Baltshuk. Wie so oft setzte sich Bürgermeister Lushkov dabei über den erbitterten Widerstand seiner Bürger einfach hinweg. Seitdem rangiert das 98 m hohe* und 600 t schwere Werk nicht nur ziemlich weit oben in der Liste der höchsten Statuen der Welt, es wurde in Umfragen diverser Reiseportale und Zeitungen auch mehrfach in die Top Ten der hässlichsten Denkmäler weltweit gewählt.
Mit dem Ende Lushkovs schien auch das Ende des Denkmals nahe. Doch von einer Umsetzung oder gar Verschrottung wurde nicht zuletzt wegen der gigantischen Kosten Abstand genommen und so dient es noch immer den Möwen an der Moskva als vorzüglich gelegener Landeplatz mit Kreml-Blick.
* Die Angaben reichen von 94 bis 98 m. Auf jeden Fall aber überragt es die 93 m hohe Freiheitsstatue in New York!

We will be victorious ...

Samstag, 20. Juni 2015

Für das MUSE-Konzert in der neuen Otkritie Arena fuhren wir zwei Stunden durch die Stadt und parkten dann vermutlich gesetzeswidrig zwischen Blumenkübeln und Kellereingang im Hinterhof eines Wohnhauses in der Nachbarschaft. Denn die Parkplätze des vor einem Jahr wiedereröffneten Fußball-Stadions (vormals „Spartak“) befinden sich noch im Bau. Auch ein funktionierendes Wegesystem gibt es noch immer nicht. Da das 45.000 Gäste fassende Stadion an einer ohnehin überlasteten Ausfallstraße liegt, führt das regelmäßig zu gewaltigen Staus. Manch einer wünscht sich da sicher so ein Hackebeil, wie es die mächtige Gladiatorenfigur vor dem Stadion trägt. Wichtiger als die Verkehrsanbindung war den Bauherren offenbar die Gestaltung des Vorplatzes, denn bereits zur Eröffnung im letzten August stand das 24,5 m hohe Monument des Künstlers Alexander Rukavishnikov (Александр Рукавишников) an seinem Platz. Es fügt sich nahtlos in die Reihe der Denkmäler, die in den letzten Jahren in Moskau aufgestellt wurden: hoch und hässlich.

Helden und Clowns

Montag, 20. April 2015


... und noch vielen, vielen anderen wurde die Ehre zuteil, auf dem Friedhof des Neujungfrauenklosters (Новодевичье кладбище) bestattet zu werden. Anfangs war er nur Angehörigen der Zarenfamilie und Adligen vorbehalten. 1898 schließlich wurde außerhalb der Klostermauern ein Areal für nichtadlige Ehren-Begräbnisse angelegt, welches 1949 auf über 7,5 Hektar erweitert wurde. Denn auch ein Großteil der Elite Sowjetrusslands ist hier begraben.
Neben Politikern und verdienten Parteigenossen liegen hier auch unzählige Militärangehörige und Helden des Großen Vaterländischen Krieges, vom Partisanenjungen bis zum General. Dazwischen drängen sich die Ehrengräber von berühmten Schriftstellern, Wissenschaftlern, Tänzern, Kosmonauten, Komponisten, Bildhauern und Regisseuren. Es ist nicht leicht, sie inmitten der 26.000 Grabstätten zu finden, denn bis auf einen vollkommen verwitterten Lageplan am Eingang gibt es keine Wegweiser.
Blauäugigen Besuchern, die wie ich ohne Vorbereitung und ohne Führung vorbei schneien, empfehle ich daher, den chinesischen Touristengruppen zu folgen, die eilig die wichtigsten Gräber abarbeiten. So stehen die Chancen nicht schlecht, die Grabstätten von Sergey Eisenstein, Nikolai Gogol, Sergey Prokofjew oder Anton Tchechov zu sehen. Man sollte sich aber nicht zu sehr von der „Promi-Jagd“ vereinnahmen lassen und einfach den Spaziergang über diesen verwunschenen Ort inmitten der rasenden Metropole genießen.

Der Größte: Yuri Gagarin

Freitag, 13. Februar 2015

Einem Mann der Superlative gebührt auch ein Denkmal der Superlative. Physikalische Gesetzmäßigkeiten haben da einfach mal Sendepause: Ganz ohne Rakete hebt Yuri Gagarin ab zu seiner Reise ins Weltall – gehüllt in einen futuristischen Anzug aus reinem Titan.

Under construction

Samstag, 27. September 2014

In Moskau gibt es keine Stadtviertel mit homogener Bebauung – in einer einzigen Straße stehen mitunter Bauwerke aus sämtlichen Epochen. Von Harmonie ist Moskau weit entfernt, das macht die Stadt aber nicht weniger sehenswert, denn hier ist jeder Spaziergang eine wahre Zeitreise.

Extrawelten

Donnerstag, 24. Juli 2014

Das Leben in dieser riesigen Metropole scheint selbst für Moskowiter zuweilen schwer erträglich zu sein. Auffällig sind jedenfalls die vielen kleinen, mit Hingabe hergerichteten Refugien, auf die man überall in der Stadt an den seltsamsten Stellen treffen kann.

In den Straßen von Moskau

Mittwoch, 25. Juni 2014

Moskau ist eine Autostadt. Rund um die Uhr wälzt sich der Verkehr über breite Straßen und gewaltige Autobahnkreuze. Seit Stalin hat es Tradition, ganze Straßenzeilen abzureißen, um neuen Magistralen Platz zu machen. Selten interessiert man sich dabei für städtebauliche Zusammenhänge oder die Belange nicht motorisierter Einwohner.

Frühling in Moskau

Freitag, 16. Mai 2014

Der Frühling ist gekommen – viel früher als sonst. Überhaupt sind die Temperaturen in diesem Jahr für Moskau ungewöhnlich mild. Eigentlich ist bereits Frühsommer, das Thermometer zeigt seit Tagen Temperaturen um die 20 Grad an und für das Wochenende sind sogar 28 Grad angekündigt! Das bringt Hektik in die Sommervorbereitungen! Die Badesaison beginnt einige Wochen früher als üblich, die Anlagen werden im Eiltempo hergerichtet und mit neuen Strandliegen bestückt. Auch das Straßenbild muss herausgeputzt werden, für die Zeit, in der es länger zu sehen ist.
Überall wird gepflanzt: Die Wohngegend kann von Industrierohren und Autobahnzubringern zerfurcht sein, die Häuser renovierungsbedürftig – doch in den Grünanlagen ringsum blüht eine bunte Tulpenpracht und duften die Fliederbüsche. Selbst die Mittelstreifen vierspuriger Schnellstraßen zieren liebevoll gepflegte Blumenrabatten, vielleicht, um die Staus erträglicher zu machen.
Eine weitere Maßnahme ist das Streichen von Stadtmobiliar. Eifrig pinseln Männer in orangefarbenen Arbeitswesten die niedrigen Grünflächenbegrenzungen grün-gelb, die Kanten der Bürgersteige schwarz-weiß, Papierkörbe grün oder schwarz, Baumstämme weiß. Und weil das jedes Jahr so ist, hängen hier auch nirgends die in Deutschland üblichen Schilder „Vorsicht – frisch gestrichen!“. Mein rotes Kleid ist wohl nicht mehr zu retten … nach der Rast auf einem grünen Zaun. (Tipps zum Entfernen von Lackfarbe aus Synthetik-Stoffen nehme ich gerne entgegen.)
Auch der rostbraune Sockel unseres Hauses wurde gestern aufgefrischt. Eigentlich wird alles angemalt, was sich anmalen lässt, egal wie nebensächlich oder kaputt es ist. Heute konnte ich einen Arbeiter dabei beobachten, wie er aus dem Boden ragende, ziemlich verbeulte Abluftrohre ungerührt mit einer neuen Schicht glänzender schwarzer Farbe überzog. Sieht doch gleich viel besser aus!

Das kommt ins Handgepäck

Sonntag, 9. März 2014

Magisch angezogen vom flirrenden Goldglanz des Einbandes habe ich mir neulich einen 1 kg schweren Architekturführer für Moskau gekauft. Beim Durchblättern überzeugten mich aber auch Aufbau und Layout. Ich denke, er wird ein wichtiger Begleiter auf meinen Streifzügen durch Moskau werden. Gold wert ist er allemal – notfalls kann ich ihn auch als Schlagwaffe oder Kugelfang benutzen. Ho ho ho.