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Lieblingsorte: Andronikov-Kloster

Mittwoch, 14. September 2016

Das hoch über der Jausa gelegene Andronikov-Kloster (Андроников монастырь) wird aus den unterschiedlichsten Gründen besucht: Als Museum des Ikonenmalers Andrej Rubljov (Андрей Рублёв) ist es den Kunstfreunden bekannt. Gläubige entzünden in der 600 Jahre alten Klosterkirche Opferkerzen. In der Parkanlage packen Angestellte der umliegenden Büros ihre Mittagsbrote aus und Mütter mit Kinderwagen drehen hier endlose Runden. Doch zur Freude aller leben hier mehrere äußerst liebenswürdige Katzen.

Lieblingsorte: Morosovskij Sad

Montag, 12. September 2016

Wucherndes Blumenbeet im Morosovski-Garten
Zwischen den Gebäuden in der Podpokajevski-Gasse steht eine fensterlose Wand; der Putz bröckelt an manchen Stellen ab, von oben hangelt sich Wilder Wein herunter. Ein Gittertor gibt den Blick auf eine buckelige Treppe frei. Oben angelangt, steht man in einem winzigen, terrassenartigen Park. Frei von menschlicher Gängelung wuchert der Wilde Wein; Bäume und Büsche bilden ein undurchdringliches Dickicht. Die passende Kulisse liefern die typischen Moskauer Backsteinbauten des 19. Jahrhunderts, die sich in einem ebenso vernachlässigten Zustand befinden. Im Grün sind einzelne Menschen mit einem Buch in der Hand zu erkennen. Wie schön! Hier bleibe ich.

Lieblingsorte: Artplay, Gebäude 2, 8. Stock

Sonntag, 11. September 2016

abendlicher Panoramablick mit Stalinhochhaus und Christ-Erlöser-Kirche
Zum Stadtgeburtstag stelle ich ab heute einige meiner Lieblingsplätze im neuen Moskau vor: Das Artplay an der Jausa ist eins der neuen Design- und Kulturzentren, die in verlassenen Fabrikanlagen entstanden sind. Hier kostet ein Stuhl so viel wie eine ganze Wohnzimmereinrichtung von IKEA; die Bars und die gelegentlichen Handwerkermärkte sind da schon demokratischer. Ganz ohne Geld bekommt man von der Terrasse der obersten Büroetage einen der schönsten Panoramablicke über die Dächer von Moskau.

Zu Gast: Im Museum der russischen Lebensläufe

Freitag, 22. April 2016

Detail der medusenartigen Leuchte im Treppenhaus der Villa Rjabushinski
In der Malaja Nikitskaja steht zwischen der Himmelfahrtskirche und einem hohen Mietshaus, verdeckt von dichten Bäumen, die Villa Rjabushinski. Nur ihr markantes Portal blitzt zwischen den Ästen hervor. Erst beim Nähertreten sind der Mosaikfries mit stilisierten Irisblüten und Fenster, deren Sprossen wie Bäume geformt sind, zu erkennen. Das Portal aber sichert ein dickes Vorhängeschloss; und wenn durch die verstaubten Fensterscheiben kein Lichtschein dringen würde, müsste man annehmen, das Haus stehe leer. Von der Seitenstraße aus gelangt man über den ehemaligen Dienstboteneingang schließlich doch in die Villa, in der sich die Museums-Wohnung von Maxim Gorki (Максим Горький) befindet. Ein großer Teil der Besucher jedoch dürfte nicht wegen des vordersten Schriftstellers des Sozialistischen Realismus kommen, sondern wegen Franz bzw. Fjodor Schechtel (Фёдор Шехтель), dem dritten großen Namen, der mit diesem Haus verbunden ist.

Die Straße der schweren Jungs

Sonntag, 10. April 2016

Detail der Fußgängerbrücke für die Arbeiter der Fabrik Serp i Molot in Moskau
Beton brutal: Die Fußgängerbrücke der Fabrik „Serp i Molot“ an der Chaussee der Enthusiasten.
Seit Jahrhunderten führt eine schnurgerade Straße von Moskau in das 190 Kilometer entfernte Vladimir. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die Vladimirskaja Doroga (Владимирская дорога) vor allem als wichtiger Handelsweg bekannt, doch nach dem Bau des Gefängnisses in Vladimir geriet sie in Verruf. Auf diesem Weg wurden die in Moskau Verurteilten ins Gefängnis gebracht; die Vladimirskaja sollte für lange Zeit das Letzte sein, was sie von der Welt sahen. In den letzten, unruhigen Jahrzehnten des Zarenreiches fungierte das berüchtigte Zentral-Gefängnis (Владимирский централ; Vladmirskij Zentral) zudem als Zwischen- und Sammelstation für politische Häftlinge – darunter viele kommunistische Revolutionäre – auf dem Weg in die Strafkolonien in Sibirien.
Nach der Festigung ihrer Macht nahmen sich die Kommunisten relativ schnell sämtliche Straßen und Plätze mit zweifelhaften Namen vor. Auch die Vladimirskaja geriet in ihr Visier. Zwar musste sie als Weg der kommunistischen Helden in die Verbannung geehrt werden, doch der Name wurde hauptsächlich mit ganz gewöhnlichen Kriminellen in Verbindung gebracht. Seit 1919 trägt die Straße daher den erhabenen Namen „Chaussee der Enthusiasten“ (шоссе Энтузиастов). Doch sehr bald geriet der Sinn des Namens in Vergessenheit, man hielt ihn für eine der vielen leeren Propaganda-Hülsen.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion erhielten viele Straßen und Plätze wieder ihre alten Namen zurück – nicht so die Chaussee der Enthusiasten (zumindest innerhalb der Stadtgrenzen). Ohnehin hatte sie sich spätestens seit den 1980er Jahren bis zur Unkenntlichkeit verändert. Bis dahin dominierten hier die flachen, typisch russischen Holzhäuser und Wohnhäuser im Stalin-Empire das Bild. In den 1980ern aber wurde am Anfang der Straße die bereits existierende Metallverarbeitungsfabrik „Serp i Molot“ (Серп и Молот; Sichel und Hammer) auf eine Fläche von etwa 60 Hektar ausgedehnt; ringsum entstanden sehr schnell sehr hässliche Wohnblocks für die Belegschaft.
In den letzten Jahrzehnten ist aus der einstigen Landstraße eine chronisch überlastete Trasse geworden, die das Stadtzentrum mit einer ständig wachsenden Zahl von Schlafquartieren verbindet. Ihr Name hat dadurch eine weitere ironische Bedeutung hinzugewonnen: Wer tagtäglich auf der Chaussee der Enthusiasten im Dauer-Stau steht, muss ein wahrer Enthusiast sein. Oder eben abhängig beschäftigt.
Doch bald soll der Name einen positiven Klang bekommen: An der Stelle der seit Jahren leer stehenden Fabrik soll in den nächsten zehn Jahren eine prestigeträchtige Wohnanlage namens „Symbol“ entstehen. Wie die teils amöbenartig geschwungenen, teils futuristisch in den Himmel ragenden Gebäudekomplexe letztendlich wirklich aussehen werden, bleibt abzuwarten, denn jede der beteiligten Firmen (der russische Developer Donstroy, LDA design und UHA London) präsentiert etwas andere Visualisierungen. Mit Sicherheit aber – das zeigt die Erfahrung – wird es nicht ganz so viele schön grüne Bäumchen geben.

Zu Gast: Mitten in der Mitte

Sonntag, 22. November 2015

Das Ostberliner Pendant ist schon lange abgerissen, doch im Staatlichen Kremlpalast zu Moskau tanzen noch die Puppen und steppen die Bären. Das beste Haus am Platz besticht durch großzügig-elegante Foyers im Stil der 1960er Jahre – hier zu sehen das Spiegel-Foyer im Untergeschoss – und einer zentralen Konzerthalle, die zu den größten Eurasiens gehört. In deren weichen Sesseln lassen sich auch die längsten Musikveranstaltungen ohne schlimmere Rückenschmerzen überstehen.

Ein Kleinod: der Armenische Friedhof in Moskau

Freitag, 9. Oktober 2015

Obwohl der Armenische Friedhof für Moskauer Verhältnisse ziemlich klein ist – nämlich genau 2,22 Hektar – sollte man viel Zeit für den Besuch einplanen. Im Laufe der Jahrhunderte ist der Friedhof zu einem labyrinthartigen Gewirr verwachsen, die Grabstätten liegen dicht an dicht, oft endet ein vielfach gewundener Pfad unerwartet an einem Zaun. Dazu lassen das verwunschene Licht unter den dichten Baumkronen und die Schönheit der alten, verwitterten Grabmäler die Zeit vergessen.
Im Frühjahr des Jahres 1805 erteilte die Stadtverwaltung die Erlaubnis zur Nutzung dieser Fläche als Friedhof, drei Jahre später wurde mit dem Bau der kleinen Auferstehungs-Kirche (Сурб Арутюн, Surb Harutyun) begonnen. Die Einweihung aber konnte erst 1815 stattfinden – dazwischen lag die Besetzung Moskaus durch die napoleonischen Truppen.
Neben der Kirche stehen die Trauerhalle aus rotem Backstein und einige historische Grabmäler und Mausoleen unter Denkmalschutz. Unbedingt erwähnenswert sind aber auch die modernen Ruhestätten der armenischen Geldelite Moskaus direkt neben dem Eingang. Hier scheint ein Wettstreit zu toben, wer die meisten Grenzen – sei es finanzieller, räumlicher oder ästhetischer Art – am weitesten übertritt.

Am Ufer der Moskwa

Dienstag, 29. September 2015

Versteckt hinter zwei stark befahrenen Straßenkreuzungen und einem Hotel-Neubau steht ein unscheinbares Tor – der Eingang zur Krutizky Klosterresidenz. Schon die ersten Schritte auf dem buckligen Kopfsteinpflaster versetzen den Besucher in eine andere Zeit. Jetzt ist der Lärm der Großstadt schon kaum mehr zu hören, eine Katze streift über den Platz, dann eilt eine Frau im Kopftuch die Treppe zur Kleinen Maria-Himmelfahrts-Kirche hinauf. Kaum habe ich den Vorraum betreten, wird mir bedeutet, dass ich ebenfalls ein Tuch um den Kopf zu wickeln habe und zusätzlich eins um die Taille. Zwar sind meine Knie ordnungsgemäß bedeckt, aber ich trage Hosen. Dermaßen unanständig bekleidete Frauen erhalten keinen Zutritt zum heiligen Kirchenraum ... Die russisch-orthodoxen Bekleidungsregeln werden hier deutlich strenger ausgelegt, als in den meisten Moskauer Kirchen – was das Gefühl, sich in einem Zeitloch zu befinden, noch verstärkt.

Zu Gast: Im Tempel der Teekultur

Sonntag, 20. September 2015

Als Alexey Perlov (Алексей Иванович Перлов) im Jahre 1787 ein Teegeschäft in den Handelsreihen am Roten Platz eröffnete, beäugten die Moskowiter misstrauisch das fremdartige Getränk. Die orthodoxe Kirche beschimpfte es sogar als „chinesisches Rauschmittel“. Doch bereits ein halbes Jahrhundert später war das Teetrinken fest im Tagesablauf des gesamten russischen Volkes verankert. Die Moskowiter zum Beispiel sollen täglich durchschnittlich sechs Gäser Tee getrunken haben.
Mit der Teebegeisterung der Menschen wuchs auch das Perlov-Imperium, das in den 1890ern bereits 130 Firmenläden im In- und Ausland umfasste. Die Perlovs waren erfolgreiche und angesehene Geschäftsleute, aber dass ihr Name auch einen wichtigen Platz in der Moskauer Stadt- und Architekturgeschichte (und in sämtlichen Reiseführern) einnimmt, das verdanken sie allein einem Spross der vierten Händler-Generation: Sergey Perlov (Сергей Васильевич Перлов).

Moskauer Idyll

Dienstag, 18. August 2015

Es kommt immer auf die Perspektive an: Die Blumen im Garten des Palais Romanov umrahmen malerisch das Wohnhochhaus Kotelnitscheskaja (Жилой дом на Котельнической набережной). Scheinbar ein Ort der Stille und Beschaulichkeit – die 13 Hektar große Baustelle, die zwischen Stalinhochhaus und Garten liegt, ist von hier aus nicht zu sehen.
Das Palais Romanov stand bis vor wenigen Jahren im Schatten des Hotel-Klotzes Rossija (Россия). Für das größte Hotel Europas wurde in den 1960ern ein ganzes Stadtteil geopfert; nur das Palais, der Old English Court und zwei kleine Kirchen durften als folkloristische Dekoration stehen bleiben. Seit dem Abriss des Hotels im Jahre 2005 klaffte eine gigantische Baugrube in Moskaus Mitte. Lange konnte man sich nicht darauf einigen, was mit dem exklusiven Grundstück am Rande des Roten Platzes geschehen solle. 2013 endlich wurde das Projekt an ein amerikanisches Designbüro vergeben, das sich unter anderem für den New Yorker Park High Line verantwortlich zeichnet. Nach dessen Plänen soll bis 2018 eine Philharmonie entstehen, eingebettet in eine Parkanlage mit dem Namen des verschwundenen Stadteiles: Sarjadse (Зарядье).

Как я провёл этим летом

Donnerstag, 13. August 2015

Wie ich diesen Sommer verbracht habe? Mittwochs immer in der Tretyakov-Galerie! Jeden Mittwoch nämlich ist der Besuch des Hauses am Krymski Val absolut kostenfrei – den ganzen Sommer über! Die 42 Säle der Dauerausstellung sind mit einem einzigen Besuch gar nicht zu schaffen, daher machte ich gern von dem großzügigen Angebot der Galerie Gebrauch. Mit einer gewissen Genugtuung übrigens, denn die Tretyakov-Galerie ist das einzige mir bekannte Museum, das noch zwischen Ausländern und Einheimischen unterscheidet. Ausländer müssen hier nämlich 100 Rubel mehr für den Eintritt zahlen. Aber um die grandiose Sammlung der russischen Kunst des 20. Jahrhunderts zu sehen, muss man eben auch mal in den sauren Apfel beißen – nur nicht eben gleich fünfmal ...
Zu sehen sind u.a. Werke von Ljubov Popova, Wladimir Tatlin, Alexander Rodtschenko, Vasiliy Kandinskiy, El Lissitzky, Kazimir Malevich, Nataliya Goncharova, Marc Chagall, Pjotr Konchalovsky, Martiros Saryan, Kuzma Petrov-Vodkin, Niko Pirosmani, Erik Bulatov.

Ein Tag misst zehn Zentimeter

Donnerstag, 2. Juli 2015

141,8 Meter ist er hoch – der Obelisk im Park Pobedy, dem Moskauer Siegespark. Zehn Zentimeter für jeden Tag, in dem sich die Sowjetunion im Krieg mit dem Deutschen Reich befand. An allen vier Seiten sind Reliefs angebracht, auf denen die Namen der Städte zu lesen sind, die den Deutschen zum Opfer fielen. Doch der beauftragte Künstler entschied, dass dies noch nicht beeindruckend genug sei und fügte dem Monument eine Nike in Begleitung zweier Engel sowie einen Heiligen Georg hinzu. Hoch zu Pferde sticht dieser auf einen sich am Boden windenden Drachen ein, dessen niederträchtiges Wesen auch dem unbedarftesten Betrachter durch Hakenkreuze verdeutlicht wird. Wer ist dieser Künstler? Zurab Tsereteli, georgischer Bildhauer und Meister des Networking.
Парк Победы, Поклонная Гора

Gestalten im öffentlichen Raum

Freitag, 26. Juni 2015

Das Wort „Denkmal“ bekommt in Moskau eine ganz neue Dimension: Vor einem Denkmal stehend denke ich oft darüber nach, wie wohl die Auftragsvergabe zustande gekommen sein mag. Nur bei wenigen kann ich mir vorstellen, dass ihre besonders gelungene Gestaltung ausschlaggebend für die Zustimmung der Entscheider war. Ich meine: Ich finde es unfair, mir völlig unbekannten Menschen einfach so, mir nichts, dir nichts, schlechten Geschmack zu unterstellen. Vielleicht hatte ja der jeweilige auserwählte Künstler die schöneren Visualisierungen mit dem blaueren Himmel dabei?
Der georgische Künstler-Unternehmer Zurab Tsereteli jedenfalls muss sehr viel richtig gemacht haben: Mehrere seiner auffälligen Arbeiten sind mittlerweile Teil des Moskauer Stadtraums, allen voran das in jeder Hinsicht maßlose Denkmal zu Ehren Peter des Großen. Böse Zungen behaupten, der Künstler habe es ursprünglich als Christoph Kolumbus nach Amerika verkaufen wollen. Nachdem Tsereteli bei etlichen Staaten abgeblitzt sei, habe es ihm schließlich sein guter Bekannter Juri Lushkov abgenommen.
Und so wurde das Monument 1997 dann doch noch aufgestellt: Mitten im Moskauer Stadtzentrum an der Spitze der Insel Baltshuk. Wie so oft setzte sich Bürgermeister Lushkov dabei über den erbitterten Widerstand seiner Bürger einfach hinweg. Seitdem rangiert das 98 m hohe* und 600 t schwere Werk nicht nur ziemlich weit oben in der Liste der höchsten Statuen der Welt, es wurde in Umfragen diverser Reiseportale und Zeitungen auch mehrfach in die Top Ten der hässlichsten Denkmäler weltweit gewählt.
Mit dem Ende Lushkovs schien auch das Ende des Denkmals nahe. Doch von einer Umsetzung oder gar Verschrottung wurde nicht zuletzt wegen der gigantischen Kosten Abstand genommen und so dient es noch immer den Möwen an der Moskva als vorzüglich gelegener Landeplatz mit Kreml-Blick.
* Die Angaben reichen von 94 bis 98 m. Auf jeden Fall aber überragt es die 93 m hohe Freiheitsstatue in New York!

We will be victorious ...

Samstag, 20. Juni 2015

Für das MUSE-Konzert in der neuen Otkritie Arena fuhren wir zwei Stunden durch die Stadt und parkten dann vermutlich gesetzeswidrig zwischen Blumenkübeln und Kellereingang im Hinterhof eines Wohnhauses in der Nachbarschaft. Denn die Parkplätze des vor einem Jahr wiedereröffneten Fußball-Stadions (vormals „Spartak“) befinden sich noch im Bau. Auch ein funktionierendes Wegesystem gibt es noch immer nicht. Da das 45.000 Gäste fassende Stadion an einer ohnehin überlasteten Ausfallstraße liegt, führt das regelmäßig zu gewaltigen Staus. Manch einer wünscht sich da sicher so ein Hackebeil, wie es die mächtige Gladiatorenfigur vor dem Stadion trägt. Wichtiger als die Verkehrsanbindung war den Bauherren offenbar die Gestaltung des Vorplatzes, denn bereits zur Eröffnung im letzten August stand das 24,5 m hohe Monument des Künstlers Alexander Rukavishnikov (Александр Рукавишников) an seinem Platz. Es fügt sich nahtlos in die Reihe der Denkmäler, die in den letzten Jahren in Moskau aufgestellt wurden: hoch und hässlich.

Unterirdisch schön

Freitag, 29. Mai 2015

Die Moskauer Metro ist kein Ponyhof. Bei einer Fahrt unter Tage werden alle Sinne aufs Höchste gefordert, bereits der Weg zum Bahnsteig über endlose Rolltreppen und Verbindungsgänge ist eine Aufgabe. Und trotzdem: Die Metro ist das wichtigste und zuverlässigste öffentliche Verkehrsmittel Moskaus. Sie funktioniert trotz der permanenten Überbelastung bis auf wenige Ausnahmen wie ein Uhrwerk: Je nach Tageszeit trifft in jeder der 196 Stationen im Abstand von 120 bis 90 Sekunden ein Zug ein. So werden im Durchschnitt täglich über 7 Millionen Fahrgäste befördert, wochentags sind es sogar über 9 Millionen.
Auf den Bahnsteigen herrscht üblicherweise großer Andrang; eine ausgiebige Würdigung der architektonisch reizvollen Stationen ist daher erst spät abends oder am Wochenende möglich. Die Moskauer Metro ist nämlich nicht nur ein unverzichtbares Verkehrsmittel sondern auch ein einzigartiges Kulturdenkmal. Wo sonst gibt es unterirdische Ballsäle, Skulpturensammlungen oder Museen, durch die permanent Züge rattern?
Baumeister Stalin nämlich hatte sich in den Kopf gesetzt, seinem geliebten Volk die prächtigste U-Bahn der Welt zu schenken. Also beauftragte er bedeutende Architekten und Künstler mit der Gestaltung der Bahnhöfe, wobei so kostbare Materialien wie Marmor, Malachit, Rodonit und sogar Edelsteine Verwendung fanden. Bevor es jedoch so weit war, mussten unter widrigsten Umständen – während des Krieges auch oft ohne Licht – die Tunnel ausgehoben werden. Da die Stationen gleichzeitig als Luftschutzbunker dienten, wurde die Arbeit während der Kriegsjahre nicht unterbrochen. Sogar Frauen mussten ran, wenn keine männlichen Arbeitskräfte zur Verfügung standen.

Helden und Clowns

Montag, 20. April 2015


... und noch vielen, vielen anderen wurde die Ehre zuteil, auf dem Friedhof des Neujungfrauenklosters (Новодевичье кладбище) bestattet zu werden. Anfangs war er nur Angehörigen der Zarenfamilie und Adligen vorbehalten. 1898 schließlich wurde außerhalb der Klostermauern ein Areal für nichtadlige Ehren-Begräbnisse angelegt, welches 1949 auf über 7,5 Hektar erweitert wurde. Denn auch ein Großteil der Elite Sowjetrusslands ist hier begraben.
Neben Politikern und verdienten Parteigenossen liegen hier auch unzählige Militärangehörige und Helden des Großen Vaterländischen Krieges, vom Partisanenjungen bis zum General. Dazwischen drängen sich die Ehrengräber von berühmten Schriftstellern, Wissenschaftlern, Tänzern, Kosmonauten, Komponisten, Bildhauern und Regisseuren. Es ist nicht leicht, sie inmitten der 26.000 Grabstätten zu finden, denn bis auf einen vollkommen verwitterten Lageplan am Eingang gibt es keine Wegweiser.
Blauäugigen Besuchern, die wie ich ohne Vorbereitung und ohne Führung vorbei schneien, empfehle ich daher, den chinesischen Touristengruppen zu folgen, die eilig die wichtigsten Gräber abarbeiten. So stehen die Chancen nicht schlecht, die Grabstätten von Sergey Eisenstein, Nikolai Gogol, Sergey Prokofjew oder Anton Tchechov zu sehen. Man sollte sich aber nicht zu sehr von der „Promi-Jagd“ vereinnahmen lassen und einfach den Spaziergang über diesen verwunschenen Ort inmitten der rasenden Metropole genießen.

Moskauer Nacht

Montag, 16. Februar 2015

Die Lebenshaltungskosten klettern durch die westlichen Sanktionen stetig nach oben, vom Feiern jedoch kann das die Moskowiter nicht abhalten: Am Wochenende sind nachts um zwei sowohl die Clubs selbst als auch die Bürgersteige davor heillos verstopft. Aber um in der Schlange auf Einlass warten zu können, muss man erst noch eine Weile im Stau ausharren: In den umliegenden Straßen stehen Taxis und Autos dicht an dicht.
Wenn man die richtigen Leute kennt, gelangt man auch ohne Warten ins #LOL, das mitten in Moskau, nur eine Seitenstraße entfernt vom Bolshoi Theater, liegt. Die Location ist absolut top und besticht mit hervorragender asiatischer Küche, agilem Servicepersonal und professionellen DJs. Nur die Fische in den Aquariumwänden sind zu bedauern ... sieht aber trotzdem echt gut aus, sorry.

Der Größte: Yuri Gagarin

Freitag, 13. Februar 2015

Einem Mann der Superlative gebührt auch ein Denkmal der Superlative. Physikalische Gesetzmäßigkeiten haben da einfach mal Sendepause: Ganz ohne Rakete hebt Yuri Gagarin ab zu seiner Reise ins Weltall – gehüllt in einen futuristischen Anzug aus reinem Titan.

Dekorative Abgase

Sonntag, 7. Dezember 2014

Da momentan auch tagsüber Nacht ist, gibt's auch heute wieder eine bei Dunkelheit aufgenommene Moskauer Ansicht: Vom derzeit verwaisten Museumspark MUZEON aus blickt man auf die künstliche Insel Baltshuk (Балчуг) zwischen der Moskva und dem Wasserumleitungskanal. Links im Bild der im Winter überdachte Club Gipsy, in der Mitte eines der zwei Kraftwerke der Insel und dahinter ein Teil des gigantischen Gebäudekomplexes, der unter dem Namen „Haus an der Uferstraße“ (Дом на набережной) durch den Roman von Valentin Trifonov weltweit bekannt wurde.

Sogar Jeans!

Donnerstag, 13. November 2014

Viele Länder des Ostblocks waren in Moskau mit einem Geschäft vertreten, in dem das verkauft wurde, was das jeweilige Land am besten konnte. Das ungarische Балатон (Balaton) war zum Beispiel hauptsächlich für das Weinsortiment bekannt, das DDR-Geschäft Лейпциг (Leipzig) dagegen für hochwertige Porzellanservices, Taschen und Mäntel aus echtem Leder, Damen-Unterwäsche, Kinderbekleidung – und: Jeans! Also Konsumgüter, die sowohl in Russland als auch in der DDR absolut defizitär waren.
In endlosen Warteschlangen vor und im Kaufhaus standen sich Tag für Tag Besucher aus allen Winkeln der UdSSR die Beine in den Bauch. 1979 zog das Kaufhaus daher vom schicken Leninprospekt, wo es seit 1965 als GUM-Filliale residierte, in ein größeres Haus im Stadtteil Tjoply Stan (Тёплый Стан). Vermutlich sollte die Schlafstadt dadurch aufgewertet werden. Mindestens aber profitierten die Einwohner von der neuen Buslinie, die gleichzeitig eingerichtet wurde, um die Menschenmassen von der Metrostation zum Kaufhaus transportieren zu können.
Im Gegensatz zu den anderen Ostblock-Läden existiert das Kaufhaus Leipzig als Shoppingcenter noch immer und beherbergt das u.a. ein Warenhaus, einen Supermarkt und ein Restaurant. Unverändert ist es ein Synonym für teure (manche sagen: überteuerte) Waren, nur dass sie jetzt nicht mehr aus der DDR kommen.