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Wolltuch à la russe

Samstag, 28. Mai 2016

Detail eines russischen Tuchs aus Pawlovski Possad
Herr K. steht in Gelassenheit vortäuschender Standbein-Spielbein-Position in der Nähe der Ladentür: „Na, hast du dich entschieden?“ Was für eine Frage, wie soll ich denn so schnell aus tausenden Tüchern in verschiedenen Größen, Stoffqualitäten und Designs das Allerallerschönste herausfinden? Besonders, wenn ich nichts anfassen darf. Denn im Geschäft der traditionsreichen Tuchfabrik aus Pawlovski Possad (Павловский Посад) hängt die kostbare Ware hinter einem Netz in bis zur Decke reichenden Regalen.
Zum näheren Betrachten holt die Verkäuferin die gewünschten Stücke aus dem Lager. Tuch um Tuch lege ich mir um die Schultern, der Berg neben dem Spiegel wird immer größer. Schließlich habe ich mein Lieblingsstück gefunden. Wie für mich üblich, ist es teurer als die anderen. „Das ist aus der neuen Kollektion“, klärt uns die Verkäuferin auf. „Außerdem ist die Wolle Importware. Die ist teurer als einheimische.“ „Mhh“, macht Herr K. „Es gefällt ihr doch!“, schiebt sie nach. Ein gutes Argument! Ich schätze weibliche Solidarität – auch wenn sie finanziell motiviert ist.
An dieser Stelle wird sich mancher fragen, warum ich unbedingt ein Wolltuch mit Blumendruck haben möchte. So was tragen heutzutage doch nicht einmal mehr Frauen sehr fortgeschrittenen Alters! Nun, das mag für Deutschland zutreffend sein, im Kleiderschrank einer jeden russischen Frau aber befindet sich mindestens ein Tuch aus Pawlovski Possad. Das ist seit dem 19. Jahrhundert so und es besteht kein Grund zur Annahme, dass sich das bald ändern wird. Denn zum einen sind diese Tücher herrlich warm, zum anderen erstaunlich wandlungsfähig – sie passen so ziemlich zu jedem Stil, jedem Alter und sogar zur männlichen Garderobe. Die „russischen Tücher“ sehen einfach immer gut aus. So überrascht es nicht, wenn sie immer wieder auf dem Laufsteg oder dem roten Teppich auftauchen. Oder in Bayern.
Mehr zur Geschichte und Herstellung der Pawlovski-Possad-Tücher
Mode im „russischen Stil“ zum Anschauen: Ulyana Sergeenko, Anastasia Romantsova,
Slava Zaitsev, Lena Hoschek und Kaufen: Varvara, À la Russe

Russland ist ... tröstlich

Montag, 16. Mai 2016

Kerzen und Ikone von Nikolaus Alexandrowitsch Romanow (Николай Александрович Романов)
Nichts erreicht im Leben? Nur auf Kosten anderer gelebt? Alles verpennt und stets die falschen Entscheidungen getroffen? Macht nichts, einfach auf die Zeit danach hoffen! Mit der richtigen Todesursache kann man sogar heilig gesprochen werden und dann von vergoldeten Brettern bedeutungsvoll auf alle Menschen herab schauen.

Schön choi trinken

Mittwoch, 23. März 2016

Reisen bildet. Auf unserer Reise nach Usbekistan haben wir festgestellt, dass es sehr angenehm und vorteilhaft ist, Tee (Choi sagt man hier.) aus der Piala (oder piyola) zu trinken. In der kleinen Schale kühlt der Tee fast augenblicklich auf eine trinkbare Temperatur ab. Außerdem sieht das Trinken aus der Piala furchtbar elegant aus. Unbegreiflich, wie man auf die Idee kommen kann, eine Tasse zu benutzen.

Wonder Point

Mittwoch, 15. April 2015

Ich bin ein Fan von Minimalismus. Doch wenn sich auf einer Tafel Schokolade weder Angaben zu den Zutaten noch zum Hersteller finden, zögere auch ich. Aber nur kurz, denn meine liebste Vorliebe fängt mit „Schoko“ an und hört mit „lade“ auf. Und außerdem: Wenn sie von einem Freund eines Kollegen meines Freundes gefertigt wurde, dann bin ich voller Vertrauen.
In den russischen Metropolen gewann die DIY-Welle durch Sanktionen und Importstopps in letzter Zeit enorm an Fahrt. Fernsehen und Lifestyle-Magazine berichten ausführlich über die heimwerkelnden Micro-Unternehmer, deren Kundenkreis sich weitestgehend mit dem Freundeskreis deckt. Pralinen, Bonbons und sogar Mozzarella werden meist in der heimischen Küche hergestellt und – wie diese Schokoladentafel – liebevoll verpackt.

1-2-3-weg: Süßes aus Georgien

Freitag, 27. März 2015

Kultivierte Menschen schneiden sie in Scheiben. Wenn's schnell gehen muss, kann man aber auch einfach abbeißen. Jedoch sollte man dabei nicht vergessen, dass sich im Inneren der Tshurtchela (russisch: чурчхела) ein Faden befindet. Die traditionellen georgischen Konfektwürste bestehen nämlich aus aufgefädelten Nüssen (zumeist Walnüsse, aber auch Haselnüsse), die mehrmals in eine Saft-Zucker-Maismehl-Mischung getaucht und zum Trocknen aufgehangen werden. Nach einigen Monaten sind die Tshurtcheli gereift, d.h. weich.
In verschiedenen Regionen Georgiens gibt es mehrere Sorten, die sich in den Details der Herstellung unterscheiden. Doch für alle gilt: Die ideale Tshurtchela ist kaum süß, sondern schmeckt intensiv nach dem verwendeten Granatapfel-, Trauben- oder Beerensaft oder nach Honig. Neben Glukose und Fruktose beinhalten Tshurcheli Eiweiß, pflanzliche Fettsäuren und viele, viele Vitamine. Solange man sie nicht an einem improvisierten Verkaufsstand direkt an einer vielbefahrenen Straße kauft, sind Tshurcheli also ungemein gesund.
Die Leckerei ist unter anderen Namen auch in Armenien, auf Zypern und bei den südlichen Turkvölkern bekannt, doch nur Georgien als Erfinderland durfte sich die Tshurchela im Jahre 2011 patentieren lassen.

Verbraucherwarnung

Dienstag, 23. September 2014

Sucht man online nach „Kamelmilch“, ist zu lesen, dass das „weiße Gold der Wüste“ unfassbar gesund sei, gegen Diabetes und Allergien helfe und aus diesem Grund „immer beliebter“ werde. Alles Käse! Kamelmilch gehört zu den ekelhaftesten und heimtückischsten Getränken der Welt!
Dieser Tage wird überall in der Stadt auf sogenannten ярмарки (Sing. ярмарка; gesprochen: jarmarka. Richtig, das kommt vom deutschen „Jahrmarkt“, hat an dieser Stelle aber eher die Bedeutung von „Wochenmarkt“.) dem geneigten Endverbraucher das Produktsortiment verschiedener Regionen und Nachbarstaaten Russlands näher gebracht. Auf dem kasachischen Markt kann man neben chinesischem Tee und Bananen aus Afrika auch echte kasachische Grundnahrungsmittel kaufen: Pferdefleischkonserven und Kamelmilch. Wir wählten die Kamelmilch.
Getrieben von seinem unbändigen Wissensdrang sowie einem ganz leichten Hungergefühl musste Herr K. die pitoresk geformte Plastikflasche unbedingt gleich auf der Stelle öffnen: Eine weiße Fontäne ergoss sich gleichmäßig über den Verkaufsstand, Herrn K.s T-Shirt und meinen Seidenschal. Kamelmilch ist nämlich ein wenig „sprudelig“ und reagiert auf ungeduldiges Herumschwenken genauso wie Mineralwasser. Der Verkäufer war auf unwissende Käuferschaft vorbereitet und hatte schon einen Stapel Papierservietten bereit liegen. Vorher eine Warnung auszusprechen, war ihm jedoch nicht in den Sinn gekommen.
Nach dem Trocknen meines Schals hatte sich mein Interesse an der Kamelmilch deutlich abgekühlt, aber Herr K. hielt mir die Flasche hin: in Salzwasser aufgelöste Hefe, versetzt mit saurer Milch. Nach einem Schluck hatte ich genug und überließ Herrn K. den Rest. Vorher hatten wir auf dem armenischen Markt Baklava gekauft – die blieb dann also für mich!

Turmimport

Montag, 14. Juli 2014

Das Umfeld des Berliner Fernsehturms wird immer hässlicher. So richtig schön ist es rings um seine Miniaturausgabe auch nicht, aber im Gegensatz zum Original gibt es Hoffnung: Bald wird ein schöner Computer neben ihm stehen, und schöne Pflanzen. Und eine schöne Lampe wird ihn schön beleuchten. Ick freu mir.

Der Rote Stern leuchte uns!

Dienstag, 27. Mai 2014

Nach zum Teil haarsträubender Küchenstuhl-Akrobatik beförderte die Schwiegermama aus den hintersten Schrankfächern original sowjetisches Besteck zutage. Die Propaganda-Glanzstücke komplettieren jetzt unsere Küchenausrüstung – спасибо!