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Müllmänner und Nestbeschmutzer

Sonntag, 25. September 2016

Der Flohmarkt Svalka (свалка: Müllhaufen; der Name ist Programm!) stellt boshaft fest: Das Volk und der Müllhaufen sind eine Einheit.

Unsern täglich Style gib uns heute

Montag, 5. September 2016

Brot verpackt in weißer Papiertüte mit schwarzem Aufkleber
Neulich im Supermarkt habe ich gesiegt – die Verkäuferin akzeptierte es ohne besondere Verwunderung, dass ich meine Einkäufe im mitgebrachten Stoffbeutel verstaute. Denn anders als in Deutschland werden hier an der Kasse alle Waren ungefragt sofort in mehrere Plastikbeutelchen verpackt. Das betrachtet man als selbstverständlichen Service am Kunden. Sogar Milch im Tetrapak reicht mir die Händlerin auf dem Wochenmarkt in einer Plastiktüte, die zudem henkellos ist. Die ist nämlich nicht etwa zum bequemen Tragen gedacht, sondern „zum Schutz“!
Auch beim Bäcker bekommt man Brot und Gebäck normalerweise in einer transparenten Tüte. Vor Kurzem aber eröffnete auf unserem Markt die „Kleine Bäckerei“. Erfreulicherweise benutzt sie Papiertüten! Allerdings treibt die junge Bäckersfamilie Schuravljov weniger der Wille zur Müllvermeidung an als vielmehr der zur Einhaltung des Corporate Design. Die schwarz-weiße Gestaltung der Bäckerei muss natürlich auch bei den Verpackungen durchgehalten werden – also werden die weißen Tüten mit schwarzen Logo-Aufklebern verschlossen. Eine schicke (wenngleich wenig informative) Website und eine Präsenz bei Facebook und Instagram gehören zum modernen Brötchenbacken selbstverständlich dazu.

Eine Frage der Größe

Mittwoch, 22. Juni 2016

Altes Lenindenkmal vor einem neuen Bürohochhaus in Moskau
„Du magst zwar höher sein als ich“, spricht Vladimir Iljitsch zum Business Center, „aber ich bin größer!“

Am deutschen Eck

Montag, 13. Juni 2016

Schilder des Restaurants Bruder und der Zoohandlung Beethoven
Geballte deutsche Leitkultur mitten in Moskau: An das Bier-Restaurant Брудер (Bruder) schmiegt sich die Tierhandlung Бетховен (Beethoven).

Freiheit der Kunst

Donnerstag, 19. November 2015

Der Blick in einen nagelneuen Elite-Wohnkomplex in der Moskauer Mitte wirft neben vielen bautechnischen insbesondere diese Frage auf: Was veranlasst jemanden dazu, den zukünftigen Bewohnern so eine Skulptur ungefragt vor die Nase zu stellen? Daran schließt sich unmittelbar die Frage an, warum die Freiheitsdame ihr Gesicht bedeckt. Aus Trauer über den Verlust ihres Unterteils? Das sicher noch bei den Antipoden fest steckt? Oder über den Qualifikationsgrad der Bauarbeiter? Vielleicht ist es eine versteckte Reminiszenz an die Eigentümer, die vor der Immobilienkrise hier für viel Geld Wohnungen gekauft haben? Oder soll das die hohe Meinung des Bauträgers von sich selbst ausdrücken: Wir sind die weltbesten Baumeister, da können sich alle anderen nur verstecken? Wie auch immer. Jedenfalls erfüllt diese Skulptur eine der vornehmsten Aufgaben der Kunst: Fragen aufwerfen.

Schön sauber

Freitag, 23. Oktober 2015

„Bald wird es hier sauber und angenehm sein!“ verkündet ein Schild vor unserer Metrostation. Und dank williger Gastarbeiter wird dieses Versprechen auch in Windeseile umgesetzt – viele Metrozugänge im Moskauer Zentrum sind bereits auf „europäischen Stand“ gebracht, wie man hier gern sagt.

Schneckenschleim heute mit 15% Rabatt!

Samstag, 15. August 2015

In einer engen Moskauer Seitengasse, die nie ein Sonnenstrahl erhellt, duckt sich ein windschiefes Häuschen – da haust der Wunderdoktor. Geh nur zu ihm wenn dich ein Weh plagt. Vergiss aber nicht, Brotkrumen auf den Weg zu streuen, damit du wieder zurück nach Hause findest!
Der Wunderdoktor vollbringt unerhörte Dinge: Er kann in dich hinein sehen und deine Knochen zählen. Dazu ruft er seinen Gehilfen, den hell glänzenden Feuervogel. Der Wunderdoktor hat auch noch andere Helfer: Das bucklige Pferdchen springt herbei, wenn ein fauler Zahn gezogen werden muss und Schwester Baba Jaga vermag jeden Heiltrank zu brauen. Doch Vorsicht: Zum Lohn verlangt der Wunderdoktor stets die Königstochter und das halbe Königreich dazu! Da musst du eine List anwenden – rück etwas näher, ich will sie dir ins Ohr flüstern ...
Du zweifelst? Dann schlag das Zauberbuch auf und sieh nach im Kapitel doct.ru. Dort steht geschrieben, dass in der Klinik „Чудо Доктор“ (Tshudo Doktor: Wunderdoktor) Zahn-, Kinder- und HNO-Ärzte, Physiotherapeuthen, Dermatologen, Gynäkologen und Chirurgen dir zu Diensten stehen. Der Lohn, den sie verlangen, ist neuzeitlich-transparent in einer Excel-Tabelle in jenem Kapitel nieder geschrieben. Doch sei gewitzt und halte dich an die Sonderaktionen: Jetzt zum Beispiel ist die richtige Zeit für Botox-Behandlungen und Laserepilation!

Herrgottszeiten!

Donnerstag, 6. August 2015

Schublade auf – Lederhosen, Dirndl, Brezn rein – Schublade zu – und dann noch beschriften: DEUTSCHLAND. Wie überall in der Welt so wird auch in Russland lokales bayerisches Brauchtum für gesamtdeutsche Kultur gehalten. Es überrascht daher nicht, dass sich Das Fest, das am kommenden Sonnabend in Moskau stattfinden wird, als „Festival deutscher Traditionen“ versteht und trotzdem konsequent mit Lederhosen, Dirndl und Brezn wirbt. Nur das Bier kommt nicht aus Bayern: Veranstalter ist nämlich eine Bierbrauerei mit Sitz in Norddeutschland (Schämen sollten sie sich!).
Auf dem Festivalplan sind nicht nur Attraktionen namens „Singen-Singen“ und „Tanzen-Tanzen“ verzeichnet, sondern auch ein „Deutscher Schönheitssalon“. Da sich nach allgemeiner russischer Überzeugung Deutschtum und Schönheit ausschließen, darf man gespannt sein, was sich wohl dahinter verbirgt. Auch echte deutsche Musiktradition wird hier zelebriert: Neben der „Discothek Bayern“ ist eine folkloristische Blaskapelle im bayerisch-süddeutschen Stil angesagt. Der absolute Hyper-Punkt jedoch wird der Auftritt der hierzulande äußerst beliebten Formation Scooter sein. Dass die Gruppe nichts mit Bayern zu tun hat, spendet kaum Trost.

Salat siegt! Immer!

Montag, 18. Mai 2015

„Zum Siegestag!“, gratuliert mir freundlich der Salat. Nein, nicht zur erfolgreichen Beendigung meiner Diät, sondern zum Sieg über das faschistische Deutschland vor 70 Jahren. „Cпасибо!“, sage ich und stelle ihn in den Kühlschrank.

La loi c'est moi

Donnerstag, 26. Februar 2015

Mitten in der Krise unvermutet ein Fingerzeig: „Wie man legal den Kredit nicht bezahlt“ steht in großen Lettern auf einem Werbebanner am Wegesrand. Auch auf der angegebenen Website wird nicht lange drumherum geredet. Kurz und bündig werden hier die fünf Schritte der Vorgehensweise erläutert: Kontaktaufnahme, Konsultation, Auswahl der Optionen, Vertragsunterzeichnung – entspanntes Leben ohne Schulden. So schlicht wie das Lösungsschema ist auch der Name der Anwaltskanzlei: Правовой центр – „Rechtszentrum“.

Gestern war: День защитника Отечества

Dienstag, 24. Februar 2015

Am 23. Februar 1918 besiegte die Rote Armee das Deutsche Heer bei Narva und Pskov, was mit einem Tag zu Ehren der Roten Armee bzw. später der Sowjetischen Armee und Kriegsmarine gewürdigt wurde. Seit dem Zerfall der Sowjetunion werden an diesem Tag alle Verteidiger des Vaterlandes gefeiert. Prinzipiell darf sich dabei jeder angesprochen fühlen, der einmal im Dienste des Staates eine Waffe in der Hand gehalten hat. Da sich aber der Aufenthalt in russischen Kasernen ungünstig auf die Gesundheit auswirken kann, werden heutzutage die vielfältigen Wege zur Umgehung der Wehrpflicht oft und gern genutzt.
Ungeachtet dessen weitete sich in den letzten Jahren der Kreis der Geehrten inoffiziell auf die gesamte erwachsene männliche Bevölkerung aus. Die mehr oder weniger wehrhaften Herren werden von ihren Frauen, Arbeitskollegen und Geschäftspartnern reichlich beschenkt. Süßigkeiten gehören zu den preiswerteren Gaben, was aber keinesfalls die Kreativitiät einschränkt: Diese Gebäckkugel zum Beispiel ziert ein niedlicher Panzer aus Marzipan. Die rote Zuckerschrift darüber weist ihn als „T-34“ aus, laut Wikipedia das „einflussreichste Waffensystem seiner Zeit“ (also von 1940 bis 1958).

Russia strikes back

Sonntag, 26. Oktober 2014

Obama als Fußabtreter vor einer Moskauer Kneipe. Die Nuland liegt vorm Klo.

Verkehrsnetz

Mittwoch, 17. September 2014

„Verkehrsnetz“ – dieser Begriff ist hier wörtlich zu nehmen. Das System der Moskauer Metro hat man nach ein paar Wochen im Blut, aber das Busliniennetz kann sich kein Mensch merken. Dieser Plan hilft da auch nicht gerade weiter ... Dargestellt sind übrigens nur die Linien, die vom Busdepot 1 des städtischen Transportunternehmens Mosgortrans bedient werden. Mosgortrans betreibt insgesamt 19 (reine) Busdepots – und 667 Buslinien. So zumindest gibt es das Unternehmen auf seiner Website an, aber wer kann das schon nachzählen.

Rubel für Ronaldo

Sonntag, 6. Juli 2014

Vor vielen Jahrhunderten haben sich die Russen eine höchst komplizierte Sprache ausgedacht. Seitdem machen sie sich über alle lustig, die an der Aussprache dieser Wörter verzweifeln. Während der Fußball-Weltmeisterschaft sorgt nun das Bankhaus Открытие mit einem Werbespot für Erheiterung beim russischen Fernsehpulikum – Ronaldo bemüht sich darin, den Namen der Bank korrekt auszusprechen. Nun ja, eigentlich dürfte es selbst für Fußballspieler möglich sein, das relativ einfache Wort открытие (otkritie) fehlerfrei über die Lippen zu bekommen. Als Sprachtraining ist der Spot also eher ungeeignet, hat aber trotzdem einen Nutzen für mich: Ich habe das Wort noch einmal nachgeschlagen und weiß nun, dass es neben „(Er-, Neuer-) Öffnung“ auch „Entdeckung“ heißen kann.
Mehr zum Thema: Stumme Ausländer

Zuversicht

Montag, 9. Juni 2014

Ein Projekt gegen die beständig wachsenden Verkehrsprobleme in Moskau ins Leben zu rufen, ist eine sehr löbliche Aktion, doch sollte sich der Herr Shumsky bessere Texter ins Boot holen. Derzeit ist die ganze Stadt mit Plakaten zugepflastert, die patriotisch tönen: „Die Krim haben wir zurück bekommen, wir werden auch ein Moskau ohne Staus zurück bekommen.“ Na, dann bin ich aber mal gespannt.
Die Internetadresse wiederum ist gar nicht so schlecht: probok.net (keine Staus).