Extrawelten

Donnerstag, 24. Juli 2014

Das Leben in dieser riesigen Metropole scheint selbst für Moskowiter zuweilen schwer erträglich zu sein. Auffällig sind jedenfalls die vielen kleinen, mit Hingabe hergerichteten Refugien, auf die man überall in der Stadt an den seltsamsten Stellen treffen kann.
Die Flächen zwischen diesen tristen Wohnblöcken in der Schlafstadt Tjeply Stan sind im Motto „Meer“ gestaltet: Die Geräte auf dem Spielplatz sehen aus wie Segelschiffe, die Begrenzung der Müllsammelstelle ist mit einer Hafenansicht bemalt und über der Wiese kreisen eiserne Möwen.
Tiere sind in der Grünflächengestaltung ein Dauerbrenner. Tagsüber sorgen die bunten Flügel der Schmetterlingslampen für Abwechslung im Grün dieser Parkanlage, aber wenn die Nacht hereinbricht leuchten sie sanft und versetzen die darunter flanierenden Menschen in eine festliche Stimmung.
Blümchen gehen immer. Am liebsten in alljährlich mit neuer Farbe aufgefrischten Betonelementen. Diese Mini-Rabatte soll ein Rasenstück verschönern, das sich zwischen einen Güterbahnhof und einer viel befahrenen Hauptstraße quetscht. Der Berliner staunt nicht nur über die vielen Blumenbeete überall in der Stadt, sondern auch über den Aufwand, mit dem sie gepflegt werden. ➥ Frühling in Moskau
Blumenrabatten können aber auch ein wenig größer ausfallen. Blumen werten auf jeden Fall das Wohngebiet auf, egal was man von den Einfällen des Grünflächenamtes im Einzelnen hält.
Besonders kaukasische Restaurants beeindrucken durch ihre phantasievolle Einrichtung. Der unbedingte Gestaltungswille ist meist bereits an der Fassade zu erkennen, die absolut nichts mit dem Standort zu tun hat und in jeder Hinsicht deutlich aus der umgebenden Bebauung heraus sticht. Das mag im Interesse des Restaurantbesitzers sein, zu einem harmonischeren Stadtbild trägt es nicht bei. Innen sehen diese Lokale aus wie außen: Dunkel und „urig“ – hier kann man seine gebeutelte Seele am offenen Kamin wärmen.
Der Eingang zu einer anderen Welt kann auch direkt an einer Autobahnauffahrt liegen: Zwar ist dieses georgische Restaurant ausschließlich mit dem Auto zu erreichen, doch schon beim Anblick der Wächterfiguren im stilechten Fummel vergessen die Gäste das Großstadtleben für eine Weile. Während gelegentlicher Rauchpausen auf der hölzernen Aussichtsplattform kann man auf hohe Felsformationen und klare Gebirgsseen blicken – es kommt nur darauf an, was man raucht.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer: Das artig im derzeit weltweit angesagten Look bepinselte Hipster-Café hat es schwer, inmitten seiner original sowjetischen Umgebung zu bestehen.
Stil und guter Geschmack am Neuen Arbat? Nicht mit mir! Dachte sich ein Geschäftsmann und baute eine Restaurant-Burg an den Rücken der Hochhausformation.
In Moskau haben überraschend viele Klosteranlagen die religionsfeindlichen Zeiten überstanden, manchmal sogar in direkter Nachbarschaft zu pompösen stalinistischen Vorzeige-Wohnhäusern. Klöster bilden per se eigene Welten, doch der Gegensatz von innen und außen ist in Moskau besonders groß: Die trutzigen Klostermauern fangen nahezu vollständig den Lärm der Großstadt ab, nichts stört den Besucher dabei, sich in das romantische Klosterleben vor 200 Jahren zurück zu träumen. Es blühen Rosen, es hämmert der Specht, Frauen mit bunten Kopftüchern eilen in die Kirche, ein bärtiger Mönch schreitet unter Tannen und Birken entlang. Hier liegen Holzscheite zum Trocknen in der Sonne, da picken Tauben Brotkrumen vom Weg, dort ein Shop mit Ikonen und heiligem Wasser, und ganz hinten ein dicker, schwarzer Rover.
Neue Wohnhäuser müssen der Rendite wegen so hoch wie möglich sein. Gemütliche Walmdächer, Türmchen und Gauben kaschieren zum einen die enorme Größe dieser Anlagen, zum anderen möchte man damit offenbar eine ästhetische Nähe zu Renaissanceschlössern herstellen.

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