Wir hören: Megapolis

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Abseits der funkelnden Welt der russischen Massenmedien existiert ein alternatives Musikuniversum, in dem mindestens genauso viele Sterne hell glitzern. Einige von ihnen strahlen so stark, dass sie auch außerhalb der Szene wahr genommen werden – wie zum Beispiel Oleg Nesterov, mit dem ich meine Exkursion beginne.
OLEG NESTEROV + MEGAPOLIS
Bei der diesjährigen alternativen Musikpreisverleihung Степной волк (stepnoy wolk; Steppenwolf) verlieh Artemy Troizky ,der vorderste russische Musikkritiker, Oleg Nesterov den Titel „Unser Alles“. Und das nicht ohne Grund: Oleg Nesterov ist Schriftsteller, Schauspieler, Entertainer, Label-Chef, Musikproduzent, Dozent und eben Musiker. Neben der Arbeit mit seiner Band Megapolis vertreibt er sich die Zeit mit seinem Seitenprojekt, den Berliner Postboten, mit denen er auf showartigen Konzerten deutsche Schlager der 1920er und 30er Jahre spielt, übersetzt und interpretiert. Seine ger­ma­no­phile Seite lebte er auch schon mit Megapolis aus – das Spaßliedchen Karl-Marx-Stadt (in Deutsch mit einem sehr charmanten russischen Akzent) blieb allerdings so ziemlich der einzige Band-Output zwischen den überaus erfolgreichen 1990ern und 2010.
Supertango (Supertango)
Angel (Supertango)
In jenem Jahr überraschte Megapolis mit dem hypnotisch schönen Album Супертанго (Supertango), das von der russischen Kritik sogleich einhellig zum Album des Jahres gewählt wurde. Kurz darauf nahm die Gruppe ein neues Projekt in Angriff, das im April diesen Jahres erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde: Из жизни планет (iis schisni planet) – Aus dem Leben des Planeten.
Es ist ein Musikprojekt der besonderen Art, ein Soundtrack für verlorene Filme. Dafür vergrub sich Oleg Nesterov erst einmal tief in Archive und Bibliotheken. Er hatte von Filmprojekten gehört, die während der hoffnungsvollen Tauwetter-Periode nach Stalins Tod begonnen worden waren. Leider dauerte diese Phase nicht lange an und so durften viele dieser Filme nicht gezeigt werden oder wurden erst gar nicht fertig gestellt. Oleg Nesterov griff exemplarisch vier Filmprojekte von vier Regisseuren heraus, die mit der wieder einsetzenden Repression auf unterschiedliche Weise umgingen.
Für diese Fragmente schrieb Oleg Nesterov einen „Soundtrack“. Gleichzeitig entstand eine schicke, sehr umfangreiche Website, auf der man nur nicht alle Tracks anhören, sondern auch die Entstehungsgeschichten der Filme nachlesen kann. Das eigentliche Erlebnis aber sind die Konzerte, während denen Oleg Nesterov zwischen den Musikstücken aus Originaldokumenten, Tagebüchern und Briefen liest und sehr kurzweilig über die Filme und Regisseure erzählt.

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