Das Gesetz der Straße

Dienstag, 17. März 2015

Das alte Volk der Georgier musste sich im Laufe der Zeit über 40 Mal gegen Angriffe der Mongolen, Perser, Osmanen, Iraner, Dagestaner und Choresmier zur Wehr setzen. So etwas hat natürlich Auswirkungen: Die mannhafte Todesverachtung der Georgier ist geradezu sprichwörtlich – in der Gegenwart tritt sie am deutlichsten im Straßenverkehr zu Tage. Normalerweise neigen die Georgier nicht zu übertriebener Hektik, doch sobald sie in ein Auto steigen, scheint sich ihre Uhr auf einmal schneller zu drehen. Während der Fahrt müssen daher möglichst viele Dinge nebenbei erledigt werden: Rasante Überholmanöver von gleichzeitig rauchenden und telefonierenden Fahrern sind keine Seltenheit. (Beim Blinken stößt das georgische Talent zum Multitasking allerdings an seine Grenzen.) Bei solch extravagantem Fahrstil kann schon mal was schief gehen, was dann mit einem ehrlich überraschten „Wo kommen Sie denn plötzlich her?“ kommentiert wird.
Auch beim Tanken kann verweichlichten Fremdländern schon mal der Herzschlag aussetzen: Einmal werden wir wegen der Explosionsgefahr gebeten, uns während des Tankvorgangs ein paar Meter (!) vom Auto zu entfernen. Ein anderes Mal betankt ein vor Coolness beinahe erstarrter Mann unser Auto – mit keck im Mundwinkel hängender Zigarette. Auf unsere Bitte, das Rauchen wenigstens während des Tankens zu unterlassen, legt er die brennende Kippe auf die Tanksäule. Kurz bevor sie der Wind direkt unter unser Auto weht und kurz bevor der Schrei unserer Reiseführerin den Ultraschallbereich erreicht, fängt er sie gelassen auf und trägt sie gemächlichen Schrittes in sein Wärterhäuschen.
In der Tankstelle hingen selbstverständlich mehrere Rauchverbotsschilder, doch Verbote und allgemein verbindliche Regeln scheinen die Georgier nur schwer mit ihrer freiheitlichen Natur in Einklang bringen zu können. So werden auch Ampeln, Verkehrsschilder und Zebrastreifen grundsätzlich als dekorative Verzierungen der Straße angesehen. Sollte doch einmal ein Fahrer an einer grünen Fußgängerampel halten, setzt augenblicklich das Hupkonzert der folgenden Fahrzeuge ein. Fahrbahnmarkierungen werden ebenso ignoriert, auch wenn es sich um durchgehende Linien handelt: Es fahren stets so viele Fahrzeuge nebeneinander (in eine Richtung), wie auf die Straße passen.

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