Wir waren nicht die Einzigen, die den Feierlichkeiten zum 70. Siegestag in Moskau fern blieben. Doch wir hatten die bessere Ausrede: Kurz vor dem Einsetzen der sengenden Sommerhitze wollten wir noch die letzten Frühlingstage in Erewan, der Hauptstadt Armeniens, genießen.
Jeden Abend zum Sonnenuntergang treffen sich die Erewaner am großen Brunnen auf dem Platz der Republik. Eine Stunde lang erklingt aus den Lautsprechern an der Nationalgalerie klassische Musik, in deren Takt die abwechselnd bunt beleuchteten Fontänen tanzen. Ringsherum warten Eisverkäufer und Besitzer von betagten Personenwaagen auf Kundschaft in großzügiger Feierabendlaune.
So nah und doch so fern: Die alten Siedlungsgebiete im Westen gingen an die Türkei verloren, damit auch der Ararat, das Nationalsymbol Armeniens. Einziger Trost der Armenier ist, dass der über 5000 m hohe Koloss von türkischer Seite aus absolut unspektakulär aussieht. Im Gegensatz dazu ist der Anblick seiner Ostseite schier atemberaubend. Zwischen Erewan und dem Ararat erstreckt sich eine mehr als 100 km breite Ebene, die eine ideale Bühne für den markanten Berg und seinen kleineren Bruder abgibt.
Die altarmenische Sprache entstand vermutlich um 1000 v. Chr., doch erst im 5. Jahrhundert n. Chr. erdachte der Mönch Mesrob Mashtots das passende Alphabet. Die 36 Schriftzeichen (bzw. 37 in der Republik Armenien) unterscheiden sich teilweise lediglich durch kleinste Häkchen und Bögen voneinander. Das Erlernen dieser (meiner Meinung nach) höchst komplizierten Sprache nimmt man als Nicht-Armenier eigentlich nur aus Liebe oder wissenschaftlicher Notwendigkeit auf sich.
Etwa 100 km nordöstlich von Erewan liegt das Städtchen Dilijan. Die Gegend ist für ihre dichten Wälder, rauschenden Gebirgsbäche und heilsamen Mineralquellen bekannt. Im Hochsommer, wenn der Rest des Landes unter der glühenden Sonne leidet, flüchtet sich jeder, der kann, in die Kleine Schweiz, wie die Umgebung von Dilidschan durchaus zutreffend genannt wird. Leider stören zuweilen Ruinen von Hotelanlagen aus Sowjetzeiten das grandiose Bergpanorama. Damals nämlich war Dilijan ein über die Landesgrenzen hinaus bekannter Kurort. Aus dieser Zeit stammt auch das futuristische Denkmal an prominenter Stelle direkt an der Hauptstraße, das der Roten Armee gewidmet ist.
Armenien Land der Kirchen und Klöster. Die christliche Religion ist für die Armenier identitätsstiftend. Auch die kommunistische Ideologie konnte da nicht viel ausrichten. Ungezählte Chatschkare, Kapellen und Kirchen künden vom starken Glauben des vermutlich ältesten christlichen Volkes der Welt. Am Südhang des Aragats trotzt in 2300 m Höhe eine kleine Muttergotteskirche Wind und Wetter. Neben der Palastruine und vereinzelten Mauerresten ist sie das Einzige, was nach dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert von der Festung Amberd übrig blieb. Der im 7. Jahrhundert errichtete Komplex war eine der Hauptstädte des mittelalterlichen Armeniens.
Armenien Land des Lavash. Die dünnen Brotfladen werden nur aus Wasser, Mehl und Salz hergestellt. Deswegen lassen sie sich gut lagern und verderben nicht. Getrocknetes Lavash kann mit Wasser wieder weich gemacht werden. Meist rollt man darin Käse und Kräuter ein, es wird auch als Unterlage zusammen mit Schaschlik oder Kebab serviert. In der Markthalle an der Erewaner Mesrob-Mashtots-Straße kann man den Bäckern bei der Arbeit zusehen und noch warmes, herrlich duftendes Lavash kaufen. Hier, auf dem zentralen Markt in der Movses-Khorenatsi-Straße, wird das Brot schon fertig angeliefert, dafür hat man eine schier unendliche Auswahl.
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