Klappe, die erste: Moskau als Videostar

Freitag, 17. Juli 2015

Strand, Sonnenschein, Bikinis – das sind die klassischen Bestandteile eines erfolgreichen Musikvideos. Manchmal wollen Musiker aber auch eine Geschichte erzählen. Und manchmal spielt diese Geschichte in Moskau. Dann geht es um Moslift-Fahrstühle, Wassertanks und Gemeinschaftsklos. Und das ist ja wohl viel spannender!
Дима Билан – Болен тобой / Dima Bilan – Süchtig nach Dir
Dieser Plot funktioniert so nur in Russland, denn die Geschichte nimmt ihren Anfang in einer sowjetischen Gemeinschaftswohnung, einer Kommunalka. Als bevorzugte Form des Zusammenlebens der Neuen Menschen propagiert, war sie in Wahrheit pure Notwendigkeit angesichts der permanenten Wohnungsknappheit, die in der Sowjetunion herrschte. Ab den 1920ern entstanden ein paar experimentelle Wohnhäuser mit entsprechend geschnittenen Wohneinheiten, in der Regel wurden aber einfach ehemalige gutbürgerliche Wohnungen unter mehreren Parteien aufgeteilt. Nicht selten bewohnten ganze Familien ein einziges Zimmer. Küche und Sanitäreinrichtungen wurden gemeinschaftlich genutzt, was auch unter den neuen Sowjetmenschen ziemlich oft zu Streit führte. Doch diese Zeiten sind vorbei, jedenfalls für das junge Pärchen in unserer Geschichte: Nach einer von beengten Wohnverhältnissen und verständnislosen Eltern gezeichneten Kindheit wendete sich schließlich das Blatt. Nun lebt es in einer großzügigen Eigentumswohnung im prestigeträchtigen Appartementhaus Triumph Palace und kann endlich ungestört gemeinsam Zähneputzen.
ГРУППА ПИЦЦА – Лифт / GRUPPE PIZZA – Lift
Star des Videos ist der typische Moslift-Aufzug, ein Wunderwerk der Sparsamkeit: Die Idee des Minimalismus erreichte im Design und Platzangebot dieser Fahrstühle ihren Höhepunkt. Daher betätigt jeder bereits beim Einsteigen eiligst seine Stockwerk-Taste, um ja nicht den Nachbarn mitnehmen zu müssen, der gerade durch die Haustür tritt. War dieser jedoch unerwartet schnell, bleibt nur die Wahl zwischen einer viel zu nahen Nahsicht auf seinen Hinterkopf oder auf die Kaugummis, mit denen die Nachbarskinder alle Kabinenecken sorgsam verschmiert haben. Der Lift im Video der Gruppe PIZZA allerdings ist unrealistisch sauber, ebenso das Treppenhaus. Da hatte wohl die Gewerkschaft der Schauspieler ein Machtwort eingelegt.
Elvira T – ОЭ
Aus Berlin wohlbekannt: maulige Gesichter in der U-Bahn. Aber in der Moskauer Metro sind die Leute auch noch geizig und geben Elvira, der niedlichen Straßenmusikerin, nicht eine einzige Kopeke. Das könnte am ohrenbetäubenden Lärm in den Zügen liegen, der nicht nur zarte Gitarrenklänge gnadenlos verschlingt. Das ist der Elvira auch irgendwann aufgefallen und dann hat sie sich mit ihrer Gitarre an einen viel besseren Ort gestellt: Nämlich auf die Fußgängerbrücke vor der Christ-Erlöser-Kathedrale – also mitten ins Touri-Viertel. Und siehe: Die Sonne scheint und der Geldbeutel klingelt! Toll, worauf man mit Nachdenken einfach so kommen kann! (Wer die Melodie nicht erträgt, kann den Ton abschalten oder die Passage von 0:45 bis 2:25 überspringen.)
Звери – Я с тобой / Sveri (Die Tiere) – Ich bin mit dir
Ständige Wachsamkeit ist oberstes Gebot auf Moskaus Straßen. Besonders im Sommer. Da kann nämlich jederzeit einer dieser teuflischen Wassertanker um die Ecke biegen. Der Held dieser Geschichte hat Pech und wird Opfer eines besonders durchtriebenen städtischen Angestellten, der ihn von Kopf bis Fuß nass spritzt. Das ist natürlich eine Übertreibung des Regisseurs, tatsächlich sind lediglich die Schuhe hin, wenn man die Straßenreiniger zu spät bemerkt. Weiterhin im Bild: die berühmten Omnibusse, die zu den leistesten Fahrzeugen in Moskau zählen. Ab 2:41 wird die Handlung zum Aussichtspunkt vor dem Hauptgebäude der Lomonossov-Universität verlegt. Daran erkennt man, dass es jetzt ernst wird: Hier lassen sich nämlich sämtliche Hochzeitsgesellschaften der Stadt fotografieren. Und richtig: In der nächsten Szene tauchen dann zwei Ringe auf ...

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