Versteckt hinter zwei stark befahrenen Straßenkreuzungen und einem Hotel-Neubau steht ein unscheinbares Tor der Eingang zur Krutizky Klosterresidenz. Schon die ersten Schritte auf dem buckligen Kopfsteinpflaster versetzen den Besucher in eine andere Zeit. Jetzt ist der Lärm der Großstadt schon kaum mehr zu hören, eine Katze streift über den Platz, dann eilt eine Frau im Kopftuch die Treppe zur Kleinen Maria-Himmelfahrts-Kirche hinauf. Kaum habe ich den Vorraum betreten, wird mir bedeutet, dass ich ebenfalls ein Tuch um den Kopf zu wickeln habe und zusätzlich eins um die Taille. Zwar sind meine Knie ordnungsgemäß bedeckt, aber ich trage Hosen. Dermaßen unanständig bekleidete Frauen erhalten keinen Zutritt zum heiligen Kirchenraum ... Die russisch-orthodoxen Bekleidungsregeln werden hier deutlich strenger ausgelegt, als in den meisten Moskauer Kirchen was das Gefühl, sich in einem Zeitloch zu befinden, noch verstärkt.
Tatsächlich ist die Anlage sehr alt, sie wurde im 13. Jahrhundert als Männerkloster am linksseitigen, (damals noch) steil abfallenden Ufer der Moskwa gegründet. Daher rührt übrigens der Name: крутoй (krutoj) bedeutet „steil“. Zur Bedeutung gelangte es als Exil-Residenz der Bischöfe von Sarai, der mittelalterlichen Hauptstadt der Goldenen Horde, und dem Don-Gebiet, das damals ebenso zum mongolischen Herrschaftsgebiet gehörte. Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Kloster zur Residenz der Moskauer Metropoliten ausgebaut. Ihren alten Sitz im Kreml mussten sie für den Patriarchen räumen, der nach der Abspaltung von der byzantinischen Mutterkirche als geistliches Oberhaupt von Kiew und ganz Russland eingesetzt worden war. Aus dieser Zeit stammen die heute noch erhaltenen Gebäude: die Kleine Maria-Himmelfahrts-Kathedrale, der Metropoliten-Palast, dazwischen der Verbindungsgang und der Teremok ein mit glasierter Keramik verziertes Torgebäude und schließlich die Auferstehungskathedrale.
Im großen Brand von 1812 wurde auch die Krutizky Klosterresidenz in Mitleidenschaft gezogen, in den Jahren danach diente sie als Garnisonsstandort. Nach der Machtübernahme der Sowjets wurde sie erneut vom Militär zweckentfremdet und war zeitweise sogar ein Gefängnis. Man übermalte sämtliche Fresken, zerstörte die Grüfte und planierte den kleinen Friedhof, um Platz für einen Fußballplatz zu schaffen. 1947 kam der späte Sinneswandel: Zum Kulturdenkmal erklärt, wurde das Kloster die folgenden 30 Jahre im Schneckentempo restauriert. 1982 wurde es dem Historischen Museum angegliedert. Ungeachtet dessen bedürfen Teremok und Metropoliten-Palast dringend einer neuerlichen Restaurierung einer behutsamen, die den Charme der Anlage nicht zerstört. Diesen nämlich schätzen nicht nur Hobbymaler und Mode-Fotografen, sondern auch Filmemacher: Das Kloster diente schon in einigen Kinofilmen und Fernsehserien als historische Kulisse.
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