Zu Gast: Im Tempel der Teekultur

Sonntag, 20. September 2015

Als Alexey Perlov (Алексей Иванович Перлов) im Jahre 1787 ein Teegeschäft in den Handelsreihen am Roten Platz eröffnete, beäugten die Moskowiter misstrauisch das fremdartige Getränk. Die orthodoxe Kirche beschimpfte es sogar als „chinesisches Rauschmittel“. Doch bereits ein halbes Jahrhundert später war das Teetrinken fest im Tagesablauf des gesamten russischen Volkes verankert. Die Moskowiter zum Beispiel sollen täglich durchschnittlich sechs Gäser Tee getrunken haben.
Mit der Teebegeisterung der Menschen wuchs auch das Perlov-Imperium, das in den 1890ern bereits 130 Firmenläden im In- und Ausland umfasste. Die Perlovs waren erfolgreiche und angesehene Geschäftsleute, aber dass ihr Name auch einen wichtigen Platz in der Moskauer Stadt- und Architekturgeschichte (und in sämtlichen Reiseführern) einnimmt, das verdanken sie allein einem Spross der vierten Händler-Generation: Sergey Perlov (Сергей Васильевич Перлов).
Dieser ließ im Jahre 1891 in der Myasnizkaya (Мясницкая улица) ein dreistöckiges Haus erbauen, dessen Erdgeschoss sein Teegeschäft beherbergen sollte. Doch schon zwei Jahre nach dem Abschluss der Arbeiten rückten erneut die Bautrupps an. Der Besitzer hatte sich nämlich zu einer kompletten Umgestaltung der Fassade und des Verkaufsraums im chinesischen Stil entschlossen.
Das romantisierende Anknüpfen an vergangene Epochen war typisch für die zeitgenössische Kunst und Architektur – in dem Sinne war es nicht so ungewöhnlich, einem Gebäude mitten in Moskau das Aussehen eines alten chinesischen Tempels zu verleihen. Doch die chinesische Architektur gehörte nicht gerade zu den Stilen, die am meisten kopiert wurden, und so war das Haus in der Myasnizkaya nach seiner Fertigstellung im Jahre 1896 Stadtgespräch.
Die Moskowiter kamen in Scharen, um die mit buntem Holz- und Keramikdekor verzierte Fassade zu bewundern: Auf dem Dach prankte ein pagodenartiges Türmchen, über den Fenstern waren geschwungene Dächer angebracht, sogar die Werbeschriftzüge hatten einen fernöstliche Touch. Von außen war das Haus herrlich anzusehen, doch beim Betreten des Ladens hielten die Besucher vor Staunen den Atem an: Decke und Wände waren mit reich verziertem Schnitzwerk verkleidet und gingen nahtlos in meisterhaft gefertigte Regale und Ladentheken über; in Vitrinen schimmerten echte chinesische Vasen – Sergey Perlov war ein großer Liebhaber und Sammler von chinesischem Porzellan.
Die Überlieferung will, dass Sergey Perlov diesen ganzen Aufwand für die vage Aussicht auf exklusive Handelsverträge betrieben hat. Die Fertigstellung des Teehauses fiel nämlich mit der Krönung Nikolai II. zusammen, zu der sich auch eine Delegation chinesischer Würdenträger angesagt hatte. Zweifellos wäre ein Treffen mit diesen hohen Herren den perlovschen Handelsbeziehungen mit China sehr dienlich gewesen. In der Rolle des Gastgebers sah Sergey Perlov eine gute Möglichkeit, solch ein Treffen herbeizuführen: Angelockt von den Geschichten über seinen chinesischen Tee-Tempel sollte die Delegation auf dem Weg zum Kreml bei ihm eine Verschnaufpause einlegen.
Doch seine Hoffnung wurde bitter enttäuscht: Die chinesischen Würdenträger stiegen nämlich nicht bei ihm ab, sondern bei seinem Bruder und Konkurrenten Simon Perlov (Семён Васильевич Перлов) in der Ersten Meshanckaya (1-я Мещанская улица). Dem Erfolg des Teegeschäftes von Sergey Perlov tat das jedoch keinen Abbruch – sein zur Attraktion avanciertes Geschäft zog viel Laufkundschaft an und es wurde chic, im Teehaus in der Myasnizkaya einzukaufen. So wechselte Sergey mit der Zeit ins Luxussegment, während Simon preiswerte Teesorten für das Massenpublikum anbot.
Doch mit Familienfrieden und wirtschaftlichem Aufstieg endet die Geschichte des Teegeschäfts Perlov nicht, nach der Oktoberrevolution wurde das Haus in der Myasnizkaya nationalisiert, also enteignet. Glück im Unglück: Die ganze Sowjetepoche über blieb das Teegeschäft erhalten, und mit ihm Interieur und Fassadengestaltung. Beide allerdings litten gewaltig – während der ganzen Zeit wurde das Haus nicht ein einziges Mal renoviert. Erst in den 1990er Jahren konnten die chinesischen Fayence-Arbeiten an der Fassade gesichert werden. Von 2000 bis 2011 schließlich wurde das gesamte Haus Stück für Stück restauriert und erstrahlt heute wieder im alten Glanz.

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