In den Straßen von Moskau

Mittwoch, 25. Juni 2014

Moskau ist eine Autostadt. Rund um die Uhr wälzt sich der Verkehr über breite Straßen und gewaltige Autobahnkreuze. Seit Stalin hat es Tradition, ganze Straßenzeilen abzureißen, um neuen Magistralen Platz zu machen. Selten interessiert man sich dabei für städtebauliche Zusammenhänge oder die Belange nicht motorisierter Einwohner.
Seit den 1990ern passiert in dieser Stadt nichts, was dem heiligen Autoverkehr hinderlich wäre. Bürgersteige enden plötzlich an einer Engstelle (wie zum Beispiel an einer Brücke), für die vierspurige Straße ist natürlich Platz genug. An sehr vielen großen, verkehrsreichen Straßen gibt es für Fußgänger kilometerweit keine Möglichkeit, sie zu überqueren. Und wenn, dann sind es niedrige, dunkle Straßenunterführungen – Fußgängerampeln würden nur den Verkehrsfluss stören!
Dem Bürohochhaus „Golden Gate“ (!) mag man dank der Beleuchtungseffekte am Abend noch gewisse optische Qualitäten abgewinnen, in der Gesamtschau zeigt sich jedoch wie rücksichtslos dieser Bau ausgeführt wurde. Damit steht die улица Сергия Радонежского (Sergey-Radoneshskovo-Straße) beispielhaft für viele Moskauer Straßen: Auf einer Straßenseite blieb die hauptsächlich aus dem 19. Jahrhundert stammende Bebauung inklusive Klosterkapelle erhalten, auf der anderen wurden zu Sowjetzeiten Wohnplatten hingeklotzt. Schlimm genug, aber seit einigen Jahren überragt nun auch noch das „Golden Gate“ sämtliche Gebäude der näheren Umgebung.
Der ehemalige Bürgermeister Luschkov hatte eine Vorliebe für prestigeträchtige Großprojekte und ließ Gebäude wieder aufbauen, die die Sowjetzeit nicht überlebt hatten. Die Christ-Erlöser-Kathedrale (weltweit bekannt durch Pussy Riot) und die Kasaner Kathedrale am Roten Platz sind Beispiele dafür. Einerseits stehen also Gebäude, von denen kein Stein mehr erhalten geblieben war, wieder an Ort und Stelle, andererseits wurden unter Luschkov original erhaltene Bausubstanz, Sichtachsen und sinnvolle städtebauliche Strukturen unwiederbringlich zerstört. Von Businesscentern umstellte Altbauten sind seitdem keine Seltenheit im Moskauer Stadtbild. Dieser Umgang mit dem architektonischem Erbe hat durchaus Tradition: Ein Beispiel steht am Gartenring (Foto rechts). Als der Straße dieser Namen verliehen wurde, war das nicht ironisch gemeint, dazu gleich mehr. Bei dem NKPS-Gebäude mit der weithin sichtbaren Turmuhr handelt es sich zwar um einen konstruktivistischen Bau der 1920er Jahre. Doch dieser „integriert“ ein Palais aus dem 17. Jahrhundert. Dieses lässt sich nur noch an der Position der Fenster im Erd- und ersten Obergeschoss erahnen.
Nach dem Großen Brand von 1812 musste Moskau fast vollständig wieder neu aufgebaut werden. Dabei entstand der Gartenring (Садовое кольцо) als abschließender Verkehrsweg rund um die Stadt. An ihm entlang reihte sich eine Vielzahl von Villen mit großzügigen Gärten. Der Name der Straße hat bis heute überdauert, die Gärten und Villen jedoch nicht. Nur hier und da steht noch ein Palais auf einem arg beschnittenen Grundstück. Dieses hier wird vom Einkaufszentrum „Atrium“ umarmt. Dass es nicht abgerissen wurde, verdankt das Palais mit hoher Wahrscheinlichkeit nur dem Umstand, dass es zum russischen Kulturerbe gehört. Im 19. Jahrhundert lebte hier nämlich Sergey Petrovich Botkin, ein berühmter Arzt und Wissenschaftler.
Die laschen Denkmalschutzbestimmungen lassen leider solche Renovierungsdesaster zu: Auf einen Altbau wurden nach Geschmack des Bauherren Erker, Türmchen und Dachkonstruktion aufgepfropft.
Noch ein Beispiel für Restaurierung à la russe: Die alte Fassade gaukelt einen Altbau vor, doch dahinter entsteht ein Neubau. Das ist schließlich viel einfacher und kostengünstiger. Und von der Straße aus sieht man es ja nicht ...
In den Moskauer Straßen überlagern sich viele Epochen. Moskau sei ein Palimpsest, habe ich irgendwo gelesen. Auf dem linken Foto sind die Schichten gut zu erkennen – von unten nach oben: Zunächst ist ein zweigeschossiges Wohnhaus zu sehen, typisch für das alte Moskau. Auf seinem Dach ist ein schöner, großer Werbeplakatträger montiert. Auf der Straßenseite gegenüber ein mehrstöckiges Wohnhaus der Jahrhundertwende. Das rote Gebäude („Narkomsem“) ist ein konstruktivistischer Bau von Alexei Wiktorowitsch Schtschussew, der auch das Leninmausoleum entworfen hat. Dahinter erhebt sich das Hotel Leningradskaja, eines der sieben stadtbildprägenden Stalin-Hochhäuser. Die Glasfassade, die hinter dem Narkomsem-Gebäude hervorragt, gehört unverkennbar zu einem Bürokomplex der 2000er. Auf dem rechten Foto sind ein Stadtpalais, ein Stalin-Gebäude und ein schnöder Typenbau, vermutlich aus den 1970ern, vereint.

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