Gluckgluckgluck ... Ich halte die Flasche senkrecht, damit auch noch der allerletzte Tropfen Kwas in mein Glas rinnt. Zufrieden stelle ich die restlos geleerte Flasche auf den Tisch. Neeeiiiin!!! Herr K. springt auf, schnappt sich die Flasche und stellt sie neben sich auf den Fußboden. Tadelnd schüttelt er den Kopf. Ach ja, daran hatte ich nicht gedacht: leere Flaschen auf dem Tisch das führt unmittelbar zu ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. Zumindest in Russland. Denn hier ist der Aberglaube fest im Alltag der Menschen verankert und zwar unabhängig vom Bildungsgrad und sozialen Hintergrund.
In vielen Bräuchen hallt noch der vorchristliche Geisterglaube der alten Slawen wider. Besonders das Wohl des Hausgeistes (домовой; domovoi) musste im Auge behalten werden. In jedem Haushalt nämlich lebte so ein unsichtbarer Geist, der nicht unbedingt böse war, aber kapriziös. Schafften es die Hausbewohner, sich mit ihm gut zu stellen, war ihnen der Domovoi schon mal mit Warnungen oder Ratschlägen behilflich. Gutmütig oder gemein ein Haushalt ohne Domovoi war nicht denkbar, bei einem Umzug musste er also irgendwie mitkommen. Einpacken konnte man das körperlose Wesen nicht, daher versuchte man ihn am Vorabend des Umzugs mit Brot und Salz in das neue Haus zu lotsen.
Eine Tradition, die auf den Domovoi-Glauben zurück geht, heißt посидеть на дорожку (posidetch na doroschku): Kurz vor dem Aufbruch zu einer Reise müssen sich alle Anwesenden, also auch die Zurückbleibenden, einige Sekunden schweigend setzen. Denn nur wenn alles still ist, kann man die Reisetipps hören, die einem der Hausgeist zuflüstert. Das funktioniert tatsächlich! In der kurzen Ruhepause ist schon manchem eingefallen, dass der Reisepass noch in der Schublade liegt.
Durch eines allerdings konnte man es sich mit seinem Hausgeist auf ewig verscherzen: Dieser legte sich für gewöhnlich unter der Türschwelle zur Ruhe. Wer es wagte, ihn dort zu stören, konnte sich getrost auf langjähriges Missgeschick und schlimme Krankheiten einstellen. Daher treibt das in Deutschland so beliebte nachbarschaftliche Schwätzchen zwischen Tür und Angel Russen noch immer den Angstschweiß auf die Stirn. Ebenso würde hier nie jemand auf die Idee verfallen, Besuch direkt in der Tür zu empfangen oder zu verabschieden.
Aber auch auf andere Geister sollte man Acht geben: Zum Beispiel besagt eine Regel, dass der täglich anfallende Hausmüll unter allen Umständen vor Sonnenuntergang den Weg zum Müllcontainer gefunden haben muss. Denn gute wie auch böse Geister suchen sich nach dem Einbruch der Dunkelheit eine Bleibe für die Nacht. Um seine Wohnung für die guten Geister attraktiv zu machen, sollte man den stinkigen Abfall zuvor entfernt haben. Die bösen Geister dagegen zieht Müll an wehe, wenn der sich noch in der Wohnung befindet!
Noch ein absolutes No-Go: Hat man etwas zu Hause vergessen, darf man auf keinen Fall noch einmal zurück gehen. Logisch Umkehren ohne das ursprüngliche Vorhaben umgesetzt zu haben macht nun mal schlechte Laune. Diese würde dann die Wohnung kontaminieren. Außerdem hier kommen wieder die Geister ins Spiel könnten einem die Geister seiner Ahnen auf der Türschwelle auflauern. Keine schöne Vorstellung. Doch was tun, wenn es gar nicht anders geht? Dann muss man vor dem erneuten Aufbruch unbedingt in den Spiegel sehen, das frischt die Energie- und Glücksreserven wieder auf.
Wäre noch zu klären, was es mit den leeren Flaschen auf sich hat: Dieser Brauch soll auf die in Paris stationierten Kosaken im Jahr 1814 zurück gehen und ist damit vergleichsweise jung. In den französischen Schenken war es üblich, die Rechnung nach einem Gelage anhand der leeren Flaschen auf dem Tisch zu stellen. Die schlauen Kosaken entdeckten sofort, wie sie Geld sparen konnten, und räumten die leer getrunkenen Flaschen einfach aus dem Blickfeld der Kellner unter den Tisch. Wie lange das gut ging, ist nicht überliefert. Als Ritual aber hat es bis heute überdauert.
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