In Moskau gibt es keine Stadtviertel mit homogener Bebauung in einer einzigen Straße stehen mitunter Bauwerke aus sämtlichen Epochen. Von Harmonie ist Moskau weit entfernt, das macht die Stadt aber nicht weniger sehenswert, denn hier ist jeder Spaziergang eine wahre Zeitreise.
Die Gebäude des Snamenski-Klosters (Знаменский монастырь) stammen aus dem 17. Jahrhundert und gehören damit zu den wenigen Bauten des alten Moskau, die den Brand von 1812 überstanden haben. Kirche und Bruderhaus liegen zwischen dem Romanov Palais (Палаты бояр Романовых) und dem Old English Court (Старый Английский двор). Das ist dann auch schon fast alles, was vom alten Stadtteil Sarjadse (Зарядье) übrig geblieben ist. In den 1960ern musste er dem monströsen Hotel Rossija (Россия) weichen. Улица Варварка д. 8
Noch lange Zeit nach der ersten schriftlichen Erwähnung im Jahre 1147 war Moskau wenig mehr als eine Ansammlung niedriger Holzbauten, die immer wieder durch Brände zerstört wurden. Zudem stand die Stadt bis 1571 über weite Perioden unter tatarischer Fuchtel und konnte sich so kaum entwickeln. Doch auch in der Folgezeit wurde es nicht besser: Die Smuta, die von inneren Machtkämpfen und Hungersnöten geprägte Zeit der Wirren, nutzten Polen und Schweden, um in Russland einzufallen. Nach deren Vertreibung im Jahre 1612 stabilisierten sich Land und Hauptstadt wieder einigermaßen, doch die langen Besatzungszeiten hatte die Russen von der Entwicklung in West- und Mitteleuropa abgekoppelt. So baute, verärgert über den rückständig-provinziellen Muff seiner Heimatstadt, Peter der Große im Jahre 1703 eine neue Stadt am Meer das Fenster zum Westen, das Tor zur Welt. Moskau verlor an das neue St. Petersburg den Status als Hauptstadt, blieb aber religiöses Zentrum.
Große Teile der klassizistischen Bebauung an der Большая Ордынка (Bolshaya Ordynka) sind erhalten geblieben. Hier lässt sich erahnen, wie viele Stadteile Moskaus bis zur Oktoberrevolution ausgesehen haben.
Der nächste Invasor kam bald: 1812 brannte während der Belagerung durch Napoleons Grande Armée ein beträchtlicher Teil Moskaus ab. Der Wiederaufbau ab 1813 veränderte das Gesicht der Stadt völlig: klassizistische Stadtvillen und Kirchen prägten seitdem das Stadtbild.
Ab Mitte des Jahrhunderts griff der Bau von Eisenbahn- und Tramlinien erneut stark in das Stadtbild ein. Bis zum Beginn des 1. Weltkrieges entstanden in der florierenden Stadt unzählige Wohn-, und Geschäftshäuser, Museen, Hotels und Kaufhauspassagen im des Stil des Historismus, im Jugendstil und im neurussischen Stil. Manchmal mussten dafür ganze Straßenzüge weichen, die kaum 60 Jahre alt geworden waren. Komplett neu gestaltete Stadtviertel wie das am Kusnezki Most sorgten für das angestrebte großstädtische, internationale Flair in Moskau.
Das 1907 fertig gestellte Verwaltungsgebäude (Саввинское подворье) der Sawinskoje Klosterresidenz gehörte zu den eindruckvollsten Bauten an der Tverskaja bis Stalin deren Umgestaltung beschloss. Immerhin wurde das Gebäude nicht abgerissen, man baute die neue Häuserzeile einfach davor. Seitdem steht es sozusagen im Hinterhof. Sehr schade, denn so lässt sich der Bau, in dem Jugendstil und neorussischer Stil harmonisch vereint sind, nicht mehr als Ganzes erfassen. Тверская улица 6c6
1918 wurde Moskau wieder Hauptstadt Glück für St. Petersburg, Pech für Moskau. Zumindest vom architektonischen Standpunkt aus betrachtet. Denn während das Interesse für St. Petersburg erlahmte, lag Moskau als Haupt- und später auch Heldenstadt im Zentrum aller städtebaulichen Phantasien der Regierung. Allzu oft wurden diese leider auch realisiert oder teilrealisiert (wie z.B. der nie gebaute Palast der Sowjets an der Stelle der Christ-Erlöser-Kathedrale, die dann aber schon abgerissen worden war).
In den 1920er und frühen 1930er Jahren, als die Personalunion von Staats- und Geschmackschef noch nicht existierte, konnten sich die Konstruktivisten für kurze Zeit austoben. Jedoch wurden weder ihre revolutionären Wohnideen noch die architektonischen Ergebnisse von der breiten Bevölkerung angenommen. Dass sich die Avantgarde plötzlich in Stalins Schussline wiederfand, machte ihre Bauwerke nicht beliebter. Die meisten verfielen und verfallen bis heute bzw. sind mit wenig Stilgefühl umgestaltet und angebaut worden. Eine wohltuende Ausnahme ist das Mosselprom-Gebäude, das vor Kurzem bis auf die fehlende Turmuhr geradezu vorbildlich renoviert wurde.
In den Jahren 1923/24 wurde ein nicht fertig gestelltes Gebäude aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg um ein paar Etagen aufgestockt und kurzerhand zum ersten Hochhaus der Sowjetunion erklärt. Seinen Namen erhielt es von der landwirtschaftlichen Vereinigung Mosselprom (Моссельпром), deren Hauptverwaltung sich hier befand. Ein absolutes Novum war die Nutzung der kompletten Fassade als Werbefläche, was den konstruktivistischen Bau berühmt machte.
Калашный переулок, 2/10
Der bislang letzte Invasor, die deutsche Armee, richtete 1941 in Moskau große Schäden an. Der Wiederaufbau veränderte erneut das Aussehen der Stadt gewaltig: Stalins pompöse Gebäudekomplexe setzten neue Akzente und stellten so die verbliebenen Türme der Kirchen und Klöster in den Schatten. Nun kann man vom Stalin-Empire halten was man will es ist unmöglich, sich seiner strengen, staatstragenden Symmetrie zu entziehen. Die meisten Bauwerke jedoch, die unter Stalins Nachfolger Chruschtschov entstanden, sind der Inbegriff fantasieloser Notarchitektur. Nicht von ungefähr werden seine monströsen Hochhäuser am Neuen Arbat als Chruschtschovs Gebiss verspottet. Äußerst unbeliebt waren auch die fünfstöckigen Wohnblöcke, die ab 1959 als billige Provisorien gebaut wurden, um der extremen Wohnungsnot zu begegnen. Ausgelegt für maximal 20 Jahre, bröckelten die meisten noch Anfang der 2000er vor sich hin. Auch diese bekamen einen wenig schmeichelhaften Namen verpasst: Chruschtschovka (хрущёвка) oder auch Chruschtschoba (хрущоба) eine Zusammensetzung aus Хрущёв (Chruschtschov) und трущоба (Höhle, Slum).
Der Neue Arbat (Новый Арбат) sieht heutzutage ziemlich alt aus. Wie so viele Gebäudekomplexe aus den 1960ern, ist er ziemlich heruntergekommen. Dort, wo kein Hochhaus geplant war, blieb die historische Bebauung stehen Speisereste zwischen Chruschtschovs Zähnen.
Nach der Perestroika setzte in den 1990ern ein undurchsichtiges Treiben auf dem Immobilienmarkt ein, zufällig wurde in dieser Zeit die Ehefrau des damaligen Bürgermeisters mit Geschäften im Baugewerbe gewissermaßen steinreich. Viele Baudenkmäler wurden damals unwiederbringlich zerstört, Autobahntrassen trennen seither ganze Stadtgebiete unüberwindbar über duzende Kilometer hinweg und das Straßenbild wird von teilweise absurd disproportionierten Hochhäusern und Bürokomplexen bestimmt. (Ein paar Beispiele: In den Straßen von Moskau)
Der seit 2010 amtierende Bürgermeister Sobjanin positioniert sich nun mit Versuchen, der Bevölkerung etwas Lebensqualität zurück zu geben: Nach und nach werden sämtliche Parks, Boulevards und Grünanlagen neu gestaltet und u.a. sogar mit kostenlosen Wi-Fi versehen, ebenso wie einzelne Metro- und Buslinien. So weit möglich, entstehen an den Ufern von Moskwa und Jausa autofreie Promenaden. Bis Jahresende soll es sage und schreibe 40 Fußgängerzonen geben, weiß ein in der Regel gut informiertes Stadtmagazin. Welche Revolution das in dieser autoverliebten Stadt ist, lässt sich daran erkennen, dass jede Eröffnung in den Medien euphorisch gefeiert wird. Dann fallen oft Sätze, in denen „europäisch“ oder „wie in Europa“ vorkommt. Ebenso hat Sobjanin Nachtfahrverbote für LKWs erlassen und das kostenpflichtige Parken in weiten Teilen der Innenstadt eingeführt. Seitdem kann man wieder relativ ungehindert auf den Bürgersteigen laufen vorher waren sie nämlich bis an die Häuser heran zugeparkt.
Mit dem neuen Gesetz zum Aussehen von Geschäftsschildern an Häuserfassaden orientierte man sich ebenfalls an europäischen Normen, konkret an London und Berlin. Im Prinzip ist es begrüßenswert, dass der Schilder-Wildwuchs in der Innenstadt eingedämmt wird, allerdings soll das Vorgehen der Behörden zu bürokratisch und intransparent sein.
Noch vor wenigen Jahren war man hier als Fußgänger von rücksichtslosen Autofahrern und dem marodem Straßenpflaster gleichermaßen bedroht heute ist die Никольская улица (Nikolskaya ulitza) eine schicke Fußgängerzone.
Es bewegt sich also einiges zum Guten. Dem Bürgermeister bleibt aber auch nichts anderes übrig, schließlich dämmert es seinen ins Ausland reisenden Bürgern langsam, dass nicht jede große Stadt zwangsläufig ein Moloch mit immensen Umwelt- und Infrastrukturproblemen sein muss. Die Einwohner kämpfen mittlerweile um jeden Baum und gegen jede Leuchtreklame. Das kürzlich eingerichtete Internet-Portal Moskau unsere Stadt soll da sicher den Protest ein wenig kanalisieren. Dort kann jeder seine Verbesserungswünsche mitteilen, die dann hoffentlich bald bearbeitet werden. Aktuell werden 354.040 gemeldete Probleme ausgewiesen, von denen 259.362 bereits behoben sein sollen. Inwieweit das stimmt, kann ich freilich nicht sagen, die Internetseite aber sieht ohne Frage sehr ansprechend aus.
Da war noch zu viel Luft oberhalb des Daches: Bei der Sanierung der historischen Bebauung am Petrovsky Bulvar (Петровский бульвар) hatten die Bauherren vor allem die Moskauer Immobilienpreise im Blick.
Auch das Baugewerbe agiert nicht mehr so menschenfeindlich, doch ideal ist anders: Überall in der Stadt wird zwar eifrig an Altbauten gewerkelt, doch leider sehen die „Renovierungsmaßnahmen“ gerade in teuren Lagen oft so aus, dass das gesamte Gebäude bis auf die Straßenfassade abgerissen wird. Befreit vom Grundriss oder den statischen Grenzen des alten Hauses entsteht dahinter ein vollkommen neues Gebäude, das meist über den oberen Abschluss der alten Fassade mit mindestens zwei weiteren Etagen hervorquillt.






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