Der Typ, der mir in der Metro gegenüber sitzt, schafft ganz bestimmt viel mehr als Sieben auf einen Streich. Diesen Anschein möchte er offensichtlich weder durch seinen Kleidungsstil noch durch seine Körpersprache widerlegen: In Hoodie und sehr robustem Schuhwerk hockt er grimmig auf dem Notstühlchen neben der Tür, wobei er seine Beine im anatomisch größtmöglichen Winkel platziert hat. Intensiv starrt er auf den Bildschirm seines Smartphones, doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Dass er alle Vorgänge um sich herum im Blick hat, beweist er, als er unvermutet aufspringt und auf eine betagte Frau zu stürzt, die soeben mitten in einem Menschenstrom durch die Tür gespühlt worden ist. Es herrscht Hochbetrieb: Alle Plätze sind besetzt, auch im Gang stehen Leute. Der Typ von gegenüber bietet der alten Frau seinen Sitzplatz an obwohl sie bereits die andere Richtung eingeschlagen hatte und es ihn damit eigentlich (nach Berliner Maßstäben) „nichts mehr angehen“ müsste.
Von solch spontanen Freundlichkeitsausbrüchen wurde ich schon oft überrascht. Inzwischen habe ich verstanden: Moskowiter lächeln nur, wenn sie einen Grund dazu haben. Zufällige Begegnungen mit unbekannten Menschen sind kein Grund zu lächeln. Das darf man aber nicht mit Unfreundlichkeit oder Gleichgültigkeit verwechseln. Der Moskowiter trägt zwar in der Regel ein regungsloses Gesicht zur Schau, merkt aber sehr wohl, wenn jemand Hilfe braucht, und ist dann ganz selbstverständlich zur Stelle. Eine Frau, die mit einem großen Paket hantiert? Unmöglich! Ganz ohne Rehaugenaufschlag findet sich sofort jemand, der das Paket mit beiläufiger Selbstverständlichkeit bis zur Haustür trägt, auch wenn das überhaupt nicht auf seinem Weg liegt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen