In der Malaja Nikitskaja steht zwischen der Himmelfahrtskirche und einem hohen Mietshaus, verdeckt von dichten Bäumen, die Villa Rjabushinski. Nur ihr markantes Portal blitzt zwischen den Ästen hervor. Erst beim Nähertreten sind der Mosaikfries mit stilisierten Irisblüten und Fenster, deren Sprossen wie Bäume geformt sind, zu erkennen. Das Portal aber sichert ein dickes Vorhängeschloss; und wenn durch die verstaubten Fensterscheiben kein Lichtschein dringen würde, müsste man annehmen, das Haus stehe leer. Von der Seitenstraße aus gelangt man über den ehemaligen Dienstboteneingang schließlich doch in die Villa, in der sich die Museums-Wohnung von Maxim Gorki (Максим Горький) befindet. Ein großer Teil der Besucher jedoch dürfte nicht wegen des vordersten Schriftstellers des Sozialistischen Realismus kommen, sondern wegen Franz bzw. Fjodor Schechtel (Фёдор Шехтель), dem dritten großen Namen, der mit diesem Haus verbunden ist.
Beton brutal: Die Fußgängerbrücke der Fabrik „Serp i Molot“ an der Chaussee der Enthusiasten.
Seit Jahrhunderten führt eine schnurgerade Straße von Moskau in das 190 Kilometer entfernte Vladimir. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die Vladimirskaja Doroga (Владимирская дорога) vor allem als wichtiger Handelsweg bekannt, doch nach dem Bau des Gefängnisses in Vladimir geriet sie in Verruf. Auf diesem Weg wurden die in Moskau Verurteilten ins Gefängnis gebracht; die Vladimirskaja sollte für lange Zeit das Letzte sein, was sie von der Welt sahen. In den letzten, unruhigen Jahrzehnten des Zarenreiches fungierte das berüchtigte Zentral-Gefängnis (Владимирский централ; Vladmirskij Zentral) zudem als Zwischen- und Sammelstation für politische Häftlinge darunter viele kommunistische Revolutionäre auf dem Weg in die Strafkolonien in Sibirien.
Nach der Festigung ihrer Macht nahmen sich die Kommunisten relativ schnell sämtliche Straßen und Plätze mit zweifelhaften Namen vor. Auch die Vladimirskaja geriet in ihr Visier. Zwar musste sie als Weg der kommunistischen Helden in die Verbannung geehrt werden, doch der Name wurde hauptsächlich mit ganz gewöhnlichen Kriminellen in Verbindung gebracht. Seit 1919 trägt die Straße daher den erhabenen Namen „Chaussee der Enthusiasten“ (шоссе Энтузиастов). Doch sehr bald geriet der Sinn des Namens in Vergessenheit, man hielt ihn für eine der vielen leeren Propaganda-Hülsen.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion erhielten viele Straßen und Plätze wieder ihre alten Namen zurück nicht so die Chaussee der Enthusiasten (zumindest innerhalb der Stadtgrenzen). Ohnehin hatte sie sich spätestens seit den 1980er Jahren bis zur Unkenntlichkeit verändert. Bis dahin dominierten hier die flachen, typisch russischen Holzhäuser und Wohnhäuser im Stalin-Empire das Bild. In den 1980ern aber wurde am Anfang der Straße die bereits existierende Metallverarbeitungsfabrik „Serp i Molot“ (Серп и Молот; Sichel und Hammer) auf eine Fläche von etwa 60 Hektar ausgedehnt; ringsum entstanden sehr schnell sehr hässliche Wohnblocks für die Belegschaft.
In den letzten Jahrzehnten ist aus der einstigen Landstraße eine chronisch überlastete Trasse geworden, die das Stadtzentrum mit einer ständig wachsenden Zahl von Schlafquartieren verbindet. Ihr Name hat dadurch eine weitere ironische Bedeutung hinzugewonnen: Wer tagtäglich auf der Chaussee der Enthusiasten im Dauer-Stau steht, muss ein wahrer Enthusiast sein. Oder eben abhängig beschäftigt.
Doch bald soll der Name einen positiven Klang bekommen: An der Stelle der seit Jahren leer stehenden Fabrik soll in den nächsten zehn Jahren eine prestigeträchtige Wohnanlage namens Symbol“ entstehen. Wie die teils amöbenartig geschwungenen, teils futuristisch in den Himmel ragenden Gebäudekomplexe letztendlich wirklich aussehen werden, bleibt abzuwarten, denn jede der beteiligten Firmen (der russische Developer Donstroy, LDA design und UHA London) präsentiert etwas andere Visualisierungen. Mit Sicherheit aber das zeigt die Erfahrung wird es nicht ganz so viele schön grüne Bäumchen geben.
Земфира / The Uchpochmack: Сгоревшие лампочки (Lightbulbs) 2013
Über die pressescheue Musikerin Semfira (Земфира) kursieren tausende Geschichten: über die Art ihrer Beziehung zur Schauspielerin Renata Litvinova, über ihre angebliche Affaire mit dem Milliardär Abramovich, über ihre Tätowierungen, über ihren auffälligen Gewichtsverlust. Sie macht aber auch gern Geschichten, denn ihre Konzerte gehen nie ohne Provokationen Richtung Regierung ab. Letztens mokierte sie sich über das grottige Abschneiden der russischen Biathleten. Manche lieben sie wegen diesen Geschichten, andere trotzdem. Klar ist: Semfira ist die unangefochtene Königin des russischen Rock. Auch ohne neues Album waren ihre beiden Konzerte im Moskauer Olimpiski am ersten Aprilwochenende ausverkauft das muss ihr erst mal jemand nachmachen!
Die enorme Popularität von Semfira belegt auch die Existenz eines deutschen Wikipedia-Artikels, obschon er im Vergleich zu dem russischen und dem englischen Artikel recht schmal ausfällt. Immerhin die deutsche Wikipedia interessiert sich sonst kaum für russische KünstlerInnen. Und eben weil dort schon das Wichtigste geschrieben steht, habe ich hier mehr Platz für die Musik:
Von Usbekistan hatte ich vor unserer Reise keine genaue Vorstellung. Viel mehr als die Fotos vom Registan in Samarkand, die in den usbekischen Chaikhonas in Moskau die Wände zieren, kannte ich nicht. Chaikhonas sind eigentlich Teestuben (persisch: chai Tee + khona Haus), oft aber normale Restaurants. Daher wusste ich, dass Fleisch zentraler Bestandteil der usbekischen Küche ist, aber das konnte mich nicht abschrecken. Auch nicht die aus allen Nähten platzende Botschaft in der Mitte von Moskau, wo provisorische Anbauten und Zelte das Original-Ambiente des Taschkenter Basars verbreiten. Zugegebenermaßen ist es in dem hier üblichen Gedränge kaum möglich es wird aber auch gar nicht erst versucht, Abstand zu wahren. Jeder hört den Gesprächen vorn am Schalter aufmerksam zu und stellt gegebenenfalls Zwischenfragen, was den gesamten Prozess nicht unbedingt beschleunigt. Die Telefonieren-Verboten-Schilder, mit denen die Wände des Empfangsraumes gepflastert sind, werden grundsätzlich ignoriert, lautstarke Maßregelungen durch die Beamten bleiben weitgehend folgenlos.
Nach nur zwei Stunden Anstehen in diversen Schlangen halte ich tatsächlich mein Visum in den Händen und bin nun bestens auf die Reise nach Usbekistan vorbereitet. Denke ich.
Reisen bildet. Auf unserer Reise nach Usbekistan haben wir festgestellt, dass es sehr angenehm und vorteilhaft ist, Tee (Choi sagt man hier.) aus der Piala (oder piyola) zu trinken. In der kleinen Schale kühlt der Tee fast augenblicklich auf eine trinkbare Temperatur ab. Außerdem sieht das Trinken aus der Piala furchtbar elegant aus. Unbegreiflich, wie man auf die Idee kommen kann, eine Tasse zu benutzen.
Die letzten schmutzig braunen Schneereste hat der morgendliche Sonnenschein erledigt. Schnee von gestern heute beginnt schließlich der Frühling! Und damit die wilde Zeit, in der die Pollen fliegen und die Hormone tanzen. Das löst beim Menschen oft ungewöhnliche Handlungen aus.
Im Frühjahr 1959 zum Beispiel erlebte das Moskauer Konzertpublikum eine ziemlich eigentümliche musikalische Darbietung: Zu einer hirnschrumpfenden Melodie sang eine Menge Kinder das Lied einer Glucke, die ihre Nachkommenschaft umsorgt. Auf der Bühne wimmelte es nur so von Pionierhalstüchern und Kükenkostümen; die Kamera hatte Mühe, die chaotische Choreografie einzufangen. Doch der Saal tobte und so nahm die Erfolgsgeschichte ihren Lauf: Wenn nicht durch eine der zahlreichen Interpretationen, dann ganz bestimmt durch eine Folge des beliebten Trickfilms Ну, погоди! (Nu pogodi! bzw. Hase und Wolf) kannte schließlich jedes Kind in der Sowjetunion das Lied Cücələrim (Meine kleinen Küken) des aserbaidschanischen Komponisten Qəmbər Hüseynli.
Die neuzeitliche Version der Sängerin Leyla Ramazanlı verzichtet selbstverständlich auf sowjetische Insignien. Für die Aufrechterhaltung des Trashfaktors sorgen aber ihr kesses Bienen-Outfit und der dominante computergestützte Rhythmus. Idyllische Aufnahmen aus der Massentierhaltung beschließen das Video auf eindrückliche Weise. Nun ja im Früüüühling brennen eben hin und wieder die Sicherungen durch!
Aber keine Panik! Wir spielen nur. Im Museum für Panzertechnik. Das entspricht zwar nicht ganz genau unserer Vorstellung von einer idealen Freizeitbeschäftigung, aber einem geschenkten Gaul ... Den Besuch auf dem ehemaligen Militärgelände im Moskauer Umland inklusive Fahrt im BMP-1 hatte Herr K. nämlich von seiner Abteilung zum Geburtstag geschenkt bekommen. Auf diese subtile Weise ehrten sie ihren Oberstleutnant, der ihrer Meinung nach militärischen Drill in die Firma eingeführt hat. Insbesondere die Anwesenheitspflicht am Arbeitsplatz ab spätestens 10 Uhr stieß anfangs auf allgemeines Unverständnis. Solch ein Geschenk hätte ich mit je acht unbezahlten Überstunden geahndet, aber Herr K. ist da einfach zu pazifistisch.
Vorbildhaft pünktlich standen wir beide also am Dienstag vor dem Tor des Museums, das auch exakt 15.00 Uhr für unsere Besuchergruppe geöffnet wurde. Vom weißhaarigen Herrn bis zum Kleinkind war jede Altersstufe vertreten. Ob ein Panzertechnikmuseum der geeignete Aufenthaltsort für Dreijährige ist, wäre eine Überlegung wert. Für Ältere jedoch ist das Museum unbedingt lehrreich. Und diejenigen, die sich von den Tafeln mit den technischen Angaben lösen können, erahnen inmitten der groben, martialischen Kriegstechnik vielleicht sogar ein wenig vom harten Geschäft eines einfachen Soldaten. Auch wenn der moderne Krieg bequemer abläuft. Zumindest für Drohnen-Piloten. Wie auch immer, ICH jedenfalls habe gelernt, dass ein Panzerschuss viel zu laut und ein BMP-1 äußerst unkomfortabel ist.
Das britische Kabinett ist heute zum ersten Mal seit über 30 Jahren an einem Sonnabend zusammen getreten. So beeindruckend ist das nicht in Russland arbeiten heute alle. Zwar sind die meisten Geschäfte, Poststellen und Bürgerämter generell auch samstags und sonntags geöffnet, aber heute sind wirklich alle, zum Beispiel auch die Büroangestellten und LehrerInnen, am Arbeitsplatz. Denn heute ist ein normaler Arbeitstag. Doch der freie Sonnabend wurde nicht etwa gestrichen er wurde nur verlegt.
Jedes Jahr aufs Neue nämlich beugen sich Staatsbedienstete über den Kalender und begutachten die Verteilung der gesetzlichen Feiertage. Liegen sie an gar zu ungünstigen Stellen, muss nachjustiert werden. Wenn zum Beispiel ein Feiertag auf einen Sonntag fällt, wird er am folgenden Montag quasi wiederholt. Das wäre die einfachste Variante. Es kann aber auch sein, dass der freie Tag ein paar Monate weiter rutscht und dort zwischen einem anderen Feiertag und einem Sonnabend auf dem Freitag landet.
Dieses Jahr aber ging das staatliche Kalenderspiel nicht ganz auf. Es war kein freier Tag zur Verfügung, der zwischen den 21. und den 23. Februar, dem Tag des Vaterlandsverteidigers, geschoben werden konnte. Aber ein Arbeitstag zwischen einem Wochenende und einem Feiertag? Das war den Planern offenbar ein Dorn im Auge. Also verlegten sie diesen arbeitsfreien Sonnabend an die Stelle des kommenden Montags. Damit hat nun endlich alles seine Ordnung!
Nun hat es Draufgänger Timur endgültig übertrieben. Seitdem sich der Ziegenbock Ende November seinem Schicksal als Tigerfutter erfolgreich widersetzen konnte, lebte er mit dem eben diesem Tiger Seite an Seite im Primorski-Safaripark in der Nähe von Vladivostok (Post vom 6. Dezember). Den Schlafplatz des Tigers hatte Timur schon in der ersten Nacht okkupiert, in der Folge wurde sein Benehmen noch rüpelhafter. Tiger Amur erduldete den hyperaktiven Bock zwei Monate lang, doch dann war das Maß voll: Eines schönen Tages ging Timur Amur derart auf die Ketten, dass dieser sich nur mit Gewalt zu helfen wusste.
Den Ärger des Tigers kann sicher jeder nachvollziehen nichts ist schlimmer, als beim heiligen Mittagsschlaf gestört zu werden. Und genau das tat Timur. Minutenlang knabberte, trat und stieß er den geduldigen Tiger. Schließlich wurde es Amur doch zu viel er schlug zu und biss Timur einmal sachte in den Rücken. Entsetzt torkelte Timur davon und Amur ... legte sich wieder zur Ruhe. Offensichtlich bestand keine Tötungsabsicht, trotzdem werden die beiden in Zukunft nicht mehr gemeinsam in einem Auslauf untergebracht sein. Sichtkontakt soll aber möglich sein.
Demnächst hätte Timur ohnehin umziehen müssen, denn jetzt beginnt die Paarungszeit der Tiger. Das ebenfalls im Park lebende Tigerweibchen hätte die Anwesenheit eines Dritten noch dazu eines nicht gefressenen Ziegenbocks vermutlich etwas irritiert.
Momentan erholt sich Timur auf der Krankenstation mehr vom Schock als von der Bisswunde. Bald muss er aber wieder fit sein, schließlich soll er sich für eine Kandidatur bei den nächsten Duma-Wahlen bewerben. Die vielen schönen Ziege-Tiger-Souvenirs kann der Park vermutlich wegwerfen, aber an Merch-Artikeln für den Polit-Bock ließe sich bestimmt wieder etwas verdienen. Aussichtslos ist seine Kandidatur jedenfalls nicht, er will sich zum Beispiel für die Einhaltung von Menschen- und Tierrechten einsetzen.
Gestern hat es heftig geschneit, doch die neue, frische Schneedecke verflüchtigt sich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt zusehends. Die Meteorologen vermelden fast täglich Temperaturrekorde seit Aufzeichnungsbeginn. Vielleicht hilft ja musikalischer Wetter-Voodoo. Probieren wir es mit Зима (Sima: Winter), dem Lied des Jahres von 1971. Der Text war zwar schon 1956 fertig und 1968 auch die Musik, aber die entscheidenden Personen in der Kulturpolitik befanden die Reime für zu unernst und inhaltslos, das Sujet für zu dörflich. Zu guter Letzt führten personelle Veränderungen im Apparat doch noch zur Veröffentlichung des verspielten Winterliedchens.
Bekannt geworden ist Sima vor allem in der allerersten Version, die Eduard Khil (Эдуард Хиль) bei der Neujahrsshow 1971 vorstellte. Ich finde aber die Interpretation von Lola Khomyants gelungener. Khomyants nahm in ihrer Heimatstadt Tbilisi zunächst ein Maschinenbau-Studium auf. Die überaus erfolgreiche Teilnahme an mehreren Musikwettbewerben führte sie jedoch auf einen anderen Weg: Die folgenden drei Jahrzehnte sang sie bei Konstantin Orbelian (Константин Агапаронович Орбелян) im Staatlichen Estradenorchester von Armenien und war außerdem mit einem Sänger Avetyan Artashez (Арташес Аветян) verheiratet.
Am Waldesrand / Lebte der Winter* in einer Hütte.
Sie salzte Schneebälle / In einer Tonne aus Birkenholz.
Sie spann Garn, / Sie webte Leinen,
Sie schmiedete Eisbrücken / Über die Flüsse.
Refrain:
Eisdecke, / Knirschende Tür,
Hinter der rauhen Wand / Ist es stockdunkel.
Sowie du über die Schwelle trittst / Ist überall Reif.
Und in den Fenstern glimmt es / Blau-blau.
Sie ging auf die Jagd, / Polierte Silber,
Pflanzte die dünne Mondsichel / In einen Eimer aus Kristall.
Sie schneiderte den Bäumen Pelzmäntel, / Glättete die Schlitterbahn,
Und eilte dann in den Wald / Um in der Hütte auszuruhen.
Refrain
* Im Russischen ist der Winter feminin, die Personifizierung mithin eine Frau.
Während in Moskau das Tauwasser weitläufige Seenlandschaften bildet, erstrahlt das Moskauer Umland noch im schönsten Schneeweiß. Genau das Richtige für einen Winterspaziergang.
Eigentlich ist der Winter doch schön, sagt Herr K. Wenn man aus der Kälte nach Hause kommt, dann macht man sich einen Tee und freut sich, dass man im Warmen ist. Recht hat er.
Die russisch-orthodoxe Kirche feiert heute Nacht die Taufe des Herrn und zwar mit Ganzkörpereinsatz. Doch während Jesus von Johannes dem Täufer in den badewasserwarmen Jordan gesteckt wurde, erfordert es in Russland schon einige Willensstärke, dem Herrn nachzufolgen. Im Januar ist es hier für gewöhnlich scheußlich kalt um überhaupt ans Taufwasser zu gelangen, müssen Löcher in die zugefrorenen Seen oder Flüsse gehackt werden. Nicht umsonst wird dieser Zeitraum Tauf-Fröste (крещенские морозы) genannt. Nach dem Weihen der kreuzförmigen Löcher gilt das Wasser als heilig. Die Gläubigen bewahren es in Krügen und Flaschen abgefüllt das ganze Jahr über zu Hause auf.
Doch das ist nicht genug: In der Nacht zum 19. Januar und am darauffolgenden Tag steigen die Gläubigen selbst in das heilige Wasser unter teilweise sehr hektischem Kreuzschlagen. Doch der religiöse Ritus ist mittlerweile auch bei konfessionslosen Gesundheitsfanatikern und Adrenalinjunkies extrem populär. Dieses Jahr kann man sich an 60 Orten in Moskau einen Herzkasper holen, zum Beispiel im Park Sokolniki (Сокольники), wo bereits Sanitäranlagen, Feuerstellen und Aufwärmzelte mit kostenlosem Tee-Ausschank aufgebaut sind. Das Geschehen dort kann bequem vom warmen Sofa aus über eine Livecam mitverfolgt werden.
Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei, die Playlists mit Wham! und Bing Crosby verschwinden endlich wieder in die hinterste Ecke der Festplatte. Zeit für unglasierte Musik!
Für den russischen Silvester-Filmklassiker Ironie des Schicksals (Ирония судьбы или С лёгким паром) vertonte Michail Tariverdiev (Микаэл Таривердиев) ein Gedicht von Vladimir Kirshon (Владимир Киршон): „Я спросил у ясеня“ (Ich hab' den Eschenbaum gefragt). Eingesungen hatte es Sergei Nikitin (Сергей Никитин).
Passend zum Filmtitel: Der stramme Stalinist Kirshon fiel 1938 dem Großen Terror zum Opfer. Nach fast 20 Jahren wurde er in der sogenannten Tauwetterphase rehabilitiert und gelangte noch einmal 20 Jahre später durch dieses kurze Gedicht erst zu größerer Bekanntheit in Russland. Seine eigentliche Arbeit als Dramaturg war nicht besonders hitverdächtig.
Гуф + Каспийский груз (GUF + Kaspisky Gruz): Все за 1$ (Alles für 1 Dollar) 2013
Die Konzerthalle ist so dunkel wie das Herz eines Drogendealers. Kaum finden wir die Treppe zur Beletage hinauf; von dort geht's etwas leichter, denn die Lichter der Bar weisen den Weg. Unten mittig erahnt man die Bühne der Künstler hat gerade um das Abblenden der Scheinwerfer gebeten. Kopfschmerzen oder Understatement? Oder einfach nur erste Zeichen von Starallüren? Schließlich übt er sich auch schon im starmäßigen Platzenlassen von Interviewterminen.
Kommt es zu einem Interview, ist GUF alias Aleksey Dolmatov (Алексей Долматов) allerdings überaus gesprächig. So lässt er beispielsweise wissen, dass es schwieriger sei, mit Gras aufzuhören, als sich scheiden zu lassen. Über diese und andere Probleme des Alltags rappen GUF und seine Kollegen und werden dafür von einem beständig wachsenden Publikum geliebt. Doch GUF hat nicht nur kluge Sprüche auf Lager, sondern bietet bei Bedarf auch tatkräftige Unterstützung an zumindest wenn es um Styling-Probleme des Haupt- und Barthaares geht. GUF steht nämlich seit April einem Frisörsalon für Herren mit angeschlossenem Tattoo-Studio vor und fügt sich damit sehr elastisch in die lange Reihe der rappenden Geschäftsmänner ein.
Alles für 1 Dollar wurde 2013 mit zwei weiteren sehr bekannten Rap-Musikern aufgenommen: Kaspisky Gruz aus Baku. Бай vom aktuellen Album Еще gibt sich dunkler, nur das Schuhwerk vom aktuellen Sponsor leuchtet unschuldig weiß.
Was sind das nur für doofe Winter in der letzten Zeit? Kein Frost, kein Schnee, kein Eis. Der Winterdienst sitzt bloß rum. Ein bisschen Schnee die magere Ausbeute vom letzten Wochenende haben zwei Arbeiter auf dem Roten Platz zusammengekratzt. Und jetzt? Pure Langeweile.